Der Junge Friedhelm Pies

Schreibaufruf für den Frieden
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Der Junge Friedhelm Pies

Beitrag#1von Thom » 11. Sep 2014 08:20

Der Junge Friedhelm Pies

Und das müsst ihr euch jetzt mal vorstellen. Es war einmal ... Ein reiches, sehr reiches Königreich. Das war so reich, dass genau die Hälfte allen Reichtums auf der Erde ihm gehörte. Na gut, ein bisschen was ließen die Minister dieses Landes den anderen auch noch. Die zweite Hälfte des ganzen Reichtums der Erde, und ihr müsst wissen, das ist eine ganze Menge! An Gold und Öl und Diamanten und solchen Dingen, - die gehörten einem anderen König mit seinem Königreich. Eigentlich hatten beide ungefähr gleich viel. Aber zufrieden waren die Zwei nicht. Das ist ja klar. Werdet ihr sagen. Solche Könige und Minister und diese Leute sind doch nie zufrieden. Das ist wohl wahr! Sie wollten also beide noch mehr. Immer mehr. Noch mehr Land und noch mehr Gold und noch mehr Öl. Statt sich aber jetzt zusammen zu setzen, wie es vernünftige Menschen tun würden, denn gemeinsam kann man immer bessere Lösungen finden, wollte jeder von den beiden sein eigenes Ding durchziehen. Und weil jeder dasselbe wollte, fingen sie an zu streiten. Zuerst warfen sie sich nur Schimpfworte an den Kopf. 
Das sah dann so aus: Ein Bote mit einem Pferd , ein Herold, hielt vor der Burg des einen Königs. Er setzte eine Trompete an den Mund, blies hinein und entrollte ein Stück Papier. Nun las er. Zum Beispiel: „Der große König von Links lässt verkünden: „Stinkstiefel!“ Danach rollte er das Papier wieder ein, blies noch einmal kurz in seine Trompete und ritt davon. Manchmal warfen ihm ein paar Leute auf der Burgmauer faule Eier nach. 
Der rechte König wartete dann eine Weile, ließ sich von Ministern beraten und schickte schließlich einen seiner eigenen Herolde los. Der kam dann vor der Burg des anderen Königs an, schlug auf eine riesige Pauke, die er dabei hatte und schrie: „Der König von Rechts lässt ausrichten „Pfurzknoten!“ Und ritt schnell davon, denn die Leute des linken Königs konnten mit ihren überreifen Tomaten gut zielen. Und während sie einander so beschimpften, hin und her und her und hin, versuchten beide, immer bessere Waffen herzustellen. Denn nachdem die Schimpfworte immer böser geworden waren, hatten beide Angst, der andere würde irgendwann mehr tun, als nur schimpfen. Eigentlich suchten beide bloß noch nach einem Vorwand, über den anderen herzufallen, denn so hätte derjenige, der gewinnt, alle Probleme gelöst und wäre dann ganz mächtig mächtig. Und wie das also immer so ist, bei den Kriegen, es braucht eine lange Zeit. Dann passiert etwas. Bei den zwei Königreichen Links und Rechts war ein Pferd schuld. Nachdem der Bote von Rechts nämlich ein besonders hässliches Schimpfwort abgeliefert hatte: „Käsekacker!“, und der Bote schnell davon ritt, bevor sein neuer Mantel schmutzig wurde, übersah das Tier eine Wurzel und stolperte. Der Reiter fiel herunter und brach sich den Arm. Und nun stellt euch vor, was der rechte König den Menschen in seinem großen Königreich erzählte! Er ließ verkünden, dass der böse linke König den Boten, der ja eigentlich einen Friedensvertrag überbringen sollte, eigenhändig umgebracht hätte! Die Leute waren natürlich erstaunt. Dass der linke König ein so ein Böser war, hatten sie ja gar nicht gewusst. Obwohl, schlimme Sachen über die anderen standen ja immer in der Zeitung. Als der König dann meinte, das könne man sich nicht gefallen lassen, konnten die meisten der Leute das verstehen. Die Pfarrer in der Kirche am Sonntag erzählten noch dazu von „Auge um Auge“ und solche Geschichten. Und außerdem ist es streng verboten, Menschen umzubringen. Das wusste nun jeder. Und wer was Verbotenes tut, der muss auch dafür zahlen. 
Aber die Minister des Königs waren schlau. Sie rieten dem König: „Wart noch bisschen!“
Nach ein paar Tagen war es so, dass einer der vielen Soldaten, die der rechte König in der Zwischenzeit an die Grenze zu den Linken geschickt hatte, verschwand. Sofort hieß es, die Linken hätten ihn entführt. Der Mann tauchte zwar ein paar Stunden später wieder auf, er hatte sich bloß in einem Wirtshaus betrunken und war dann eingeschlafen, doch davon erfuhren die Bürger nichts. Die angebliche Entführung seines Soldaten genügte nun dem rechten König und seinen Ministern, der anderen Seite endgültig böse zu sein. Sie befahlen, die schlimmen Linken anzugreifen. Mit Bomben und Panzern und Männern mit Gewehren, mit Hubschraubern und Raketen. Denn die Wissenschaftler hatten gute Arbeit geleistet und all solche Sachen erfunden. Doch das hatten auch die von der anderen Seite. 

So machten sie sich also gegenseitig tot. Schön langsam, damit es nicht allzu sehr auffiel. Die Leute hatten sich bald daran gewöhnt, dass es immer weniger Männer zu sehen gab. 

In diesen schrecklichen Zeiten nun, müsst ihr wissen, wurde ein Junge geboren. Seine Mutter, Maria Pies, die ihn ganz doll liebhatte, nannte ihn Friedhelm. Friedhelm Pies war ein ganz braves Kind. Und alle anderen fühlten sich immer gut, wenn der Junge bei ihnen war. Das war ganz seltsam. Er hatte sie aber auch alle lieb. Die Mama und den Papa genauso wie seine Geschwister, die Nachbarn, den Hund und die kleinen Ameisen, die Bienen, die Gänse und Hühner, die Bäume und die anderen Pflanzen. Sogar die Steine. Alle hatte er sie lieb, weil doch alles zusammengehört. So dachte Friedhelm. Und wenn alles zusammengehört, dann ist es nicht möglich dass man das eine lieb hat und das andere nicht, weil es gibt ja nur Eines. Aber Friedhelm wusste auch, dass die Leute das nicht wussten, oder zumindest nicht verstanden. Manchmal glaubte er wirklich, alle Leute seien dumm. Doch dann erinnerte er sich wieder, dass er ja nur ein kleiner Junge war. 
Wenn die Leute aber so blöd waren! Es war zum Verzweifeln. Nun war er schon sechs Jahre alt, seit zwei Jahren konnte er lesen und das hatte er auch getan. Sein Vater besaß eine große Schrankwand mit Büchern, da hatte er spannende Abenteuer gefunden und viel gelernt. 

Nachdem sich nun also die zwei Königreiche jahrelang gegenseitig mit Bomben beworfen hatten, mit Raketen beschossen, und ihre Soldaten sich mit Gewehren erschossen hatten, verkündete der rechte König, also der, bei dem der kleine Junge Friedhelm Pies wohnte, am nächsten Montag werde die endgültige Schlacht stattfinden. Und zur Feier dieses großen Augenblickes, und damit alle sehen könnten wie mächtig und stark er war, wollte er eine große Parade mit seinen vielen Waffen stattfinden lassen. Und alle, die noch da waren und nicht schon gestorben, durch den Krieg, müssten hinkommen. Am Abend bevor sie in Hauptstadt fuhren, wo die große Parade stattfinden sollte, hatte Friedhelm mit seiner Mama ein ernstes Gespräch. „Warum machen die Menschen Krieg?“ Doch die Mama wusste keine Antwort. Um ihm aber zu sagen, wie lieb sie ihn hatte, sagte sie: „Schau Friedhelm, die Menschen wissen nicht, wie wertvoll sie als Menschen sind. Doch jeder einzelne von uns ist wertvoll. Und du, du bist das Wertvollste auf der Welt“.

Am nächsten Morgen, als sie mit dem Zug in die große Stadt fuhren, war Friedhelm ungewöhnlich still. Als sie dann auf Plätzen weit hinten auf den Beginn des Umzuges warteten, war Friedhelm auf einmal verschwunden. Der Vater suchte ihn verzweifelt, während die Mutter auf die beiden Schwestern aufpasste. Friedhelm aber hatte sich ganz nach vorne an die Absperrung durchgedrängt, und das stand er jetzt, von hinten an den Zaun gedrückt. Irgendjemand sah, wie Friedhelm sich beinahe wehtat und nahm ihn auf die Schultern. Da konnte er in der Ferne die ersten Panzer rollen sehen. Der ganze Boden zitterte durch die Metallungetüme. Nun hatte Friedhelm Pies im Zug aber Folgendes überlegt: Wenn alle Menschen wertvoll sind, dann müssen eigentlich alle gleich wertvoll sein. Sonst wäre das ja ungerecht. Also war er als kleiner Junge genau soviel wert, wie der König. Das dachte sich Friedhelm so. Und wenn sich der König nun hinstellen würde und den Panzern befehlen würde, stehen zu bleiben, dann würden sie anhalten. Entschlossen beugte er sich nach vorne, griff an das Ende des Zaunes, stieß sich von den Schultern des Mannes, der ihn getragen hatte ab und war auf der anderen Seite des Zaunes. Er sah sich noch einmal kurz um und ging dann in großen Schritten den Panzern entgegen. Ganz alleine war er auf der Straße, die riesigen Panzer, gegen die er wie ein Käferlein wirkte, kamen grollend immer näher. Friedhelm winkte, mit beiden Armen. Er sprang auf und ab. Der erste Panzer der Kolonne rollte auf ihn zu, wollte dann an ihm vorbei rattern, aber Friedhelm, flink wie ein Wiesel, sprang wieder vor das Kanonenrohr. Denn, so dachte er, wenn alle wertvoll sind, so bin ich ebenso wertvoll wie der König und die Panzer werden anhalten. Und sie hielten an. Die ganze wunderschöne Parade wurde ein riesiges Durcheinander. Die Panzerfahrer passten nicht richtig auf und fuhren dem Vordermann auf, sie versuchten auszuweichen. Alles lief schief. Schließlich lachte die versammelte Menge die Soldaten aus, alle strömten auf die Straße zwischen die Panzern und Raketen, die Menschen tanzten zwischen ihnen. Aus der Kriegsparade wurde ein Fest. 
Dass aber ein kleiner Junge sich den Panzern ganz allein entgegengestellt und sie auch aufgehalten hatte, verbreitet sich mit ungeheurer Geschwindigkeit nicht nur im rechten Königreich, sondern auch im Linken. Wenn ihr eure Mamas und Papas fragt, vielleicht kennen sie das Bild sogar. Weil nämlich ein schlauer Reporter das alles gefilmt hat. Und es ist wirklich wahr. 
Am nächsten Tag ließ sich der König der Linken, genauso wie der König der Linken jeweils auf einen Hügel vor einem großen Feld fahren. Von da aus wollten sie zugucken, wie ihre Soldaten sich gegenseitig tot schossen, und wer gewinnen würde. Also – übrig bleiben würde. Bei Sonnenaufgang sollte es losgehen. Als die Sonne aber aufging und die Könige mit ihren Ferngläsern auf das große Feld guckten war da – niemand. Keine Soldaten, keine Panzer, kein Rauch und keine Explosionen. 
Beide fingen sie ganz furchtbar an zu heulen. 
Und der Junge Friedhelm Pies sagte zuhause zu seiner Mama: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“



© Thom Delißen 092014
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