Nexus

Schreibaufruf für den Frieden
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Beitrag#1von Thom » 3. Sep 2014 18:03

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Es waren diese stumpfen Tage, die eigentlich wie spitze Stacheln waren. Nichts war passiert bisher. Alles, wirklich Alles verursachte Unmut in ihm. Der heiße, mit feinen Staubkörnern verdichtete Wind, der den Geruch der nahen Kloake in das Zelt blies, die gleißende Sonne, die einem die Haut unter dem T-Shirt verbrannte. Die gebrüllten Befehle, das Beige der Leinwandunterkünfte, das traurige Geklimper des Ventilators drüben auf dem kleinen Schreibtisch. Rührte nur die drückende Luft um, wie einen zähen Pudding. Reserveoffizier. Er schnaubte. Entführt hatten Sie ihn! Doch diesen Gedanken behielt er wohlweislich für sich. Mit einem Lächeln hätte man ihm geantwortet, hätte er diese Ansicht jemals wirklich ausgesprochen. „Aber, lieber Omid ! Freiwillig bist du hier. Nicht gezwungen hat man dich, nur freundlich angefragt.“ Was! Die alten Weiber hätten ihn angespuckt, seine eigene Frau ihm das Bett verweigert! Die Kinder hätten mit dem Finger auf ihn gezeigt.

Eine etwas obskure Rekrutierungseinheit, jedoch durchaus offiziell, hatte Omid Jawgirian abgeholt. Direkt von seinem Arbeitsplatz in einem kleinen Lebensmittelladen in den engen Gassen von Tal Afar, einer Stadt westlich von Mossul. Hierher, an die Frontlinie. Jeglicher Widerspruch sinnlos. Für das Vaterland! Wenn es denn aber nur eine Front gegeben hätte! Die Männer der ISIS, die Freischärler, kämpften nicht mit herkömmlichen Methoden. Ihre größte Waffe war die Angst. Sie verbreiteten sie in Flugblättern, mit Videos und im Alltag der Menschen. Hier lieferten sie den regulären irakischen Truppen eine Art von Guerillakrieg. Omids Kopf lief förmlich über, von all den grausamen Geschichten, die seine Kameraden, zum Teil altgediente Kämpfer, von der Terrorgruppe berichten zu wussten. Da war die Rede von grausamen Vergewaltigungen, Folterungen. Mehr noch, er hatte Videos gesehen, von Massenhinrichtungen. Ganze Dörfer wurden niedergemetzelt, Köpfe und Gliedmaßen wie Unkraut abgeschlagen. Bestien waren es. Die dunkle Seite. Besessene, ja. Vom Teufel besessen. Das hatte er bereits gewusst, als er in seinem Laden noch Kohlköpfe zählte und Zwiebeln und Knoblauch abwog. Nun hatte man ihm zum Sergeant gemacht. Allah u akbar. Gott sei uns gnädig. Sie mussten vernichtet werden, diese Hurensöhne. Man musste sie ausmerzen, töten.
Omid dachte an seine Tochter, gerade einmal 7 Jahre alt. Ihr zauberhaftes Lächeln. Für sie würde er kämpfen. Und für den Bruder. Bei dem Gedanken an Raschid verkrampften sich seine Finger in die glatte Oberfläche des Lakens. Eine Rakete hatte das Haus, das er und seine Kameraden verteidigten, in Schutt und Asche gelegt. Niemand der Soldaten hatte überlebt. Sein Bruder Raschid zählte gerade einmal 19 Jahre als er starb, noch drei Monate vor seinem Tod fand die Hochzeit mit seiner schwangeren Freundin statt. Omid grübelte weiter. Das eintönig klimpernde Geräusch des Ventilators ließ ihn schließlich einschlafen. Vielleicht würde der morgige Tag anders werden, würde er zeigen können, dass er sich als Soldat und Gruppenführer eignete.

Omid drückte sich hinter einen Mauervorsprung. Er und eine Gruppe von zehn verwegenen aussehenden Soldaten, nur teilweise in regulärer Uniform, patrouillierten durch ein scheinbar verlassenes Städtchen. Nahezu alle der Einwohner, Jesiden, hatten die Flucht ergriffen, die Straßenzeile schien verlassen. Plötzlich wurde der LKW beschossen. Die Männer sprangen von der Ladefläche und suchten Deckung. Mit Entsetzen sah Omid, flach auf die staubige Erde gedrückt, wie aus dem Obergeschoss eines der zweistöckigen Häuser, etwa 100 Meter entfernt, ein Feuerstrahl brach, den Lastwagen erreichte und ihn in einem orangefarbenen Explosionsball vergehen ließ. Einen Sekundenbruchteil vor der Detonation war auch der Abschuss zu hören, ein lautes Zischen, eigentlich. Omid spürte deutlich die Hitze und kroch noch tiefer in den Grund. Einige Metallteile prasselten links und rechts von ihm zu Boden. Als er aufsah, öffnete sich gerade die Tür des Fahrerhauses. Ein lodernder Körper, der Soldat, der das Fahrzeug gelenkt hatte, fiel heraus und wälzte sich, einer Fackel gleich, lautlos auf der Straße. Wütend nahmen seine Kameraden das Gebäude unter Dauerbeschuss. Auch Omid bemühte sich mit seiner Kalaschnikow, doch die Ladung hemmte. Während seine Leute, er hatte ihnen mit erhobener Faust das Signal gegeben, stückweise auf die Häuserzeile vorrückten, mühte er sich minutenlang mit der verklemmten Patrone. Gerade als es ihm gelang, durchzuladen, sah er aus dem Augenwinkel eine Bewegung in dem Hausgang zu seiner Rechten.
Schnell war er auf den Beinen. Die Waffe im Anschlag tat er den Sprung zu dem Eingang. Das saß er, der Feind. Ein hagerer junger Bursche, nur sparsam sprossen etliche Härchen auf seiner zitternden Oberlippe. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen starrte ihn der Junge an, umklammerte bebend das moderne Sturmgewehr vor seiner Brust. Ein Faden Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel. Sekundenlang erschienen beide zu Stein geworden. Die Bilder in Omids Kopf rasten. Verbrannte Siedlungen, verstümmelte Leichen. Der brennende Körper des Fahrers. Seine Tochter an ihrem letzten Geburtstag, Raschid, als er seine Freundin küsst. Der junge Raschid! 19 Jahre alt!
Etwa so alt, wie der Mann hier vor ihm. Der wirft ihm jetzt die Waffe vor die Füße, lässt sie einfach los.

Omid drückt ab. Ein einzelner Schuss soll es sein, ein sauberer. Doch er hat die Mechanik der Waffe, als er sie wieder schussbereit machte, verstellt. Dauerfeuer. Die Waffe tanzt in seinen Händen, Kugel um Kugel lässt blutige Blumen auf dem Körper des Halbwüchsigen wachsen, an Kopf, Oberkörper, den Oberschenkeln. Der Körper zuckt unter den hämmernden Einschlägen bis das Magazin leer ist. Schließlich steht Omid keuchend und schweißüberströmt, mit gespreizten Beinen vor der Leiche. Er reißt ihm, er möchte den Toten sonst nicht berühren, ein Medaillon vom Hals. Ein silbernes Herz. Er klappt es auf. Ein Mädchen, etwa 7 Jahre alt, lächelt ihn an, daneben eine hübsche junge Frau. Als in seinem Rücken ein gequälter Schrei ertönt, dreht sich Omid um und blickt in das verzerrte Gesicht eines vielleicht vierzigjährigen Mannes, der keine fünf Meter entfernt steht. Der Mann weint.. "Mein Bruder!" Eine Garbe aus der Waffe eines von Omids Kameraden mäht ihn nieder.

Die Nacht, die auf diesen Nachmittag folgte, verbrachte Omid wachend und grübelnd. Vor ihm auf dem Schreibtisch, an dem er saß, eine Flasche Whisky, auf dem Bett, aufgeklappt, das Medaillon mit dem kleinen Mädchen, das genauso lieb lächelte wie seine Tochter, die Frau, die ebenso wunderschön aussah, wie die seine. Wären die Dinge ein wenig anders gelaufen, stünde sein Kind nun ohne Vater da. Mit grausamer Klarheit erkannte er den Irrsinn der Dinge. Hat ein Vater eine Nationalität? Ein Vater ist ein Vater ist ein Vater. Niemand auf dieser Welt hat das Recht, ihn seiner Tochter fort zu nehmen. Grausamkeit, so sah er deutlich, bringt neue Grausamkeit. Tod erzeugt Tod. Er würde in diesem Kreislauf kein Werkzeug mehr sein. Gänge er jedoch hier weg, würde man ihn wegen Fahnenflucht erschießen.

„Heldenhaft gestorben im Kampf für Allah, aufgenommen in das Paradies“ hieß es in der Benachrichtigung, die Segeant Omid Jawgirians Frau und seine Tochter erhielten. Ein Soldat seiner Truppe hatte einen Schuss aus dem Zelt des Soldaten gehört, ihn mit zerfetztem Schädel über den Schreibtisch gesunken, gefunden. Die letzten Worte Omids, die er sorgfältig auf die Rückseite eines Lageplanes gemalt hatte, las niemand. „Ich habe jetzt wahrhaftig erkannt, dass der Junge, den ich erschossen habe, auch mein Bruder Raschid hätte sein können. Es macht keinen Unterschied. Ich kann die Schuld nicht ertragen.“



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Thom
 
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