Ich hasse Weihnachten!

November/Dezember 2007

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 715

Ich hasse Weihnachten!

Beitrag#1von Gast » 16. Dez 2007 12:45

Sechs Uhr morgens, ich wusste die Uhrzeit, noch ehe ich auf meine alte Armbanduhr mit dem rissigen Lederarmband sah. Jeden Morgen wachte ich um die gleiche Zeit auf.
Um mich herum schliefen die meisten noch. Nur eine andere Frau saß bereits aufrecht in ihrem Bett. Sie blickte in meine Richtung, doch als sie bemerkte, dass ich sie ansah, wandte sie schnell ihren Kopf ab.

Müde setzte ich mich auf. In einem Obdachlosenasyl schlief man nicht entspannt, die Gefahr, von den anderen bestohlen zu werden, war allgegenwärtig. Automatisch kramte ich meine paar Habseeligkeiten zusammen. Ja, das kleine Paket war noch da. Ich lächelte, als ich das knisternde Papier unter meinen Fingern fühlte.
Eine junge Verkäuferin, die ich noch aus besseren Zeiten kannte, war so nett gewesen, mir das Schmuckstück einzupacken. Heute, am Heiligabend, wollte ich es endlich der Frau schenken, die mein Sohn vor zwei Wochen geheiratet hatte. Ich schloss meine Augen und atmete tief durch.

Es war eisig draußen, der Wind pfiff mir schneidend ins Gesicht, so dass ich den grauen Wollschal fester um meinen Hals zog. Bloß nicht krank werden, dachte ich und schloss dabei den obersten Knopf meines zerschlissenen Wintermantels. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Die Streudienste waren so früh am Morgen noch nicht unterwegs, und ich hatte Angst auszurutschen.

Nach einer kanppen Stunde war ich endlich an meinem Ziel angekommen. Mein Sohn wohnte in einem der 'besseren' Stadtviertel. Er war mit seiner Frau erst vor knapp drei Monaten hierher gezogen. Sie hatten sich eine große Vier-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoß eines Neubauhauses gemietet, die nach hinten heraus über einen großen Garten verfügte. Ich war sicher, dass sie die Wohnung vor allem wegen des Gartens genommen hatten. 'Wie herrlich musste es für ihre Kinder sein, in diesem Umfeld aufzuwachsen!'

In Gedanken sah ich meinen Sohn mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern, die im Garten in einer Sandkiste zusammen spielten. Eins der beiden Kinder, das blond gelockte Mädchen kam auf mich zugelaufen und rief ganz aufgeregt: „Oma, Oma, ich muss dir etwas zeigen!“ Dabei hielt sie einen Gegenstand in der Hand, den ich nicht erkennen konnte.
Ich schüttelte mich, um wieder in die Realität zurückzukehren und schluckte die aufkommenden Tränen herunter. 'Solche Gedanken bringen nichts außer Schmerz', schalt ich mich. 'Das Traumbild und deine Wirklichkeit passen nicht mehr zueinander.'

Seit fast zwei Jahren hatte ich keinen Kontakt mehr zu meinem Sohn, seine Frau hatte ich nie kennen gelernt. Nachdem ich mit achtundvierzig Jahren arbeitslos wurde und keine neue Anstellung fand, warf mir mein Sohn vor, dass ich gar nicht wirklich Arbeit suchen würde. Er würde meine Faulheit jedenfalls nicht finanziell unterstützen!
Faulheit! Dieser Vorwurf traf! Zeit meines Lebens hatte ich körperlich hart gearbeitet. Als Vorarbeiterin in einer Papierwarenfabrik hatte ich meinem Sohn immerhin das Studium finanzieren können. Mein Kind sollte es schließlich später einmal besser haben als ich.

Ich lächelte, als ich meinen Sohn mit seiner Frau in ihrem hell erleuchteten Wohnzimmer beim Frühstück beobachtete. Vorsichtig schlich ich mich an die Haustür und hatte Glück, das einer der anderen Mieter gerade im Begriff war, das Haus zu verlassen. Der junge, teuer gekleidete Mann blickte mich zwar irritiert an, sagte aber nichts, als ich an ihm vorbei in das Treppenhaus schlüpfte.
Das war geschafft! Mein Herz raste und ich musste mich für einen Moment an die kalte Wand des Treppenhauses lehnen. Langsam atmete ich ein und aus, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Ich tastete nach dem kleinen Päckchen in der Innentasche meines Mantels und holte das Geschenk heraus. Behutsam, wie einen kleinen Schatz, legte ich es auf die Fußmatte meines Sohnes und betrachtete es. Erneut fühlte ich, wie Tränen in mir aufstiegen, also wandte ich mich entschlossen ab und verließ das Treppenhaus.

Gegenüber der Wohnung meines Sohnes und seiner Frau hatte ein LKW geparkt, hinter diesem stand ich nun halbverdeckt und beobachtete das große Panoramafenster ihres Wohnzimmers. Beide waren mit ihrem Frühstück fertig. Mir knurrte der Magen, denn ich hatte seit gestern nichts gegessen, hätte jetzt aber um nichts in der Welt meinen Standort verlassen.
Die Frau meines Sohnes räumte den Frühstückstisch ab, während er sich seinen Mantel anzog. Anscheinend wollte er noch schnell etwas besorgen. Die meisten Geschäfte hatten ja am Heiligabend noch einen halben Tag lang geöffnet.
Typisch Mann, dachte ich lächelnd.
Er sagte etwas zu seiner Frau und öffnete die Wohnungstür. Dann stockte er inmitten seiner Bewegung. Er hatte mein Päckchen auf seiner Fußmatte entdeckt, bückte sich und hob es auf. Er trat in den Hausflur und blickte sich um. Als er niemanden sehen konnte, ging er wieder zurück in seine Wohnung und rief nach seiner Frau.
Beide setzten sich erneut an den Esstisch. Mein Sohn behielt seinen Mantel an, er drehte und wendete das kleine Geschenk in den Händen, so als wüsste er nicht, ob er es wirklich öffnen sollte. Entschlossen nahm seine Frau es ihm aus der Hand und packte es vorsichtig aus. Zum Vorschein kam eine dunkelblaue Schmuckkassette. Beide machten ein überraschtes Gesicht. Die junge Frau drückte den winzigen Knopf an der Vorderseite der Kassette und der Deckel sprang auf. Mit großen Augen zog sie das matt glänzende goldene Collier, das aus einzelnen, unterschiedlich langen Plättchen bestand, heraus.
Ich sah meinen Sohn aufspringen und die Wohnungstür aufreissen. Gleich musste er auf der Straße stehen. Zitternd versteckte ich mich hinter einem der großen LKW-Reifen.
„Mama, bist du hier irgendwo?“ hörte ich meinen Sohn rufen. 'Wie lange hatte ich seine Stimme schon nicht mehr gehört?' Jetzt konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Lautlos weinte ich vor mich hin.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit so verging, aber als ich meinen Schmerz wieder im Griff hatte, stapfte ich langsam durch den Schnee davon ohne zurückzublicken. Schließlich musste ich mir noch eine Unterkunft für diese Nacht suchen und etwas Heißes zu trinken wäre jetzt auch nicht schlecht gewesen.
Ich wischte eine letzte Träne mit dem Handrücken aus meinem Gesicht und war froh, dass der nächste Heiligabend noch ein Jahr entfernt lag. Ich hasste nichts so sehr wie Weihnachten!
Zuletzt geändert von Gast am 19. Dez 2007 22:28, insgesamt 2-mal geändert.
Gast
 

Beitrag#2von Frank P. » 16. Dez 2007 16:36

Hallo no-name,

das ist eine sehr einfühlsame Geschichte, und man hört erst auf zu lesen,
wenn sie zu Ende ist. Du weißt, wie man Leser vereinnahmt.
Es gibt auch nur zwei Dinge, die ich kritisieren könnte:
"...er drehte und wendete er das kleine..."
Ist ein er zuviel.
Vom Inhalt her fand ich es nicht ganz nachvollziehbar, dass die Frau
im Obdachlosenasyl ist und auf der Straße lebt, denn auch wenn
es ihr nicht gut geht finanziell, müsste sie doch zumindest staatlich
unterstützt werden und sich wenigstens eine kleine Wohnung leisten können.
In den meisten Fällen verlieren Leute so sehr die Kontrolle über ihr Leben,
wenn mehrere Faktoren zusammen kommen, eine Sucht, psychische
Erkrankungen usw.
Da würde ich noch näher drauf eingehen.
Sonst gibts wirklich nichts zu meckern!

Liebe Grüße

Frank
Frank P.
Nutzerkonto inaktiv
 
Beiträge: 101
Registriert: 06.2007
Wohnort: Bielefeld
Geschlecht: nicht angegeben

Beitrag#3von Gast » 16. Dez 2007 17:40

Hallo Frank,

...das ist eine sehr einfühlsame Geschichte, und man hört erst auf zu lesen,
wenn sie zu Ende ist. Du weißt, wie man Leser vereinnahmt.

Oh, vielen Dank für den Eimer Lob...

Das "er", das zu viel war, habe ich eliminiert. Ich finde es immer wieder
erstaunlich, wie viel ich trotz mehrmaligem Korrekturlesen noch übersehe.
*Grummel*...

Vom Inhalt her fand ich es nicht ganz nachvollziehbar, dass die Frau
im Obdachlosenasyl ist und auf der Straße lebt, denn auch wenn
es ihr nicht gut geht finanziell, müsste sie doch zumindest staatlich
unterstützt werden und sich wenigstens eine kleine Wohnung leisten können.
In den meisten Fällen verlieren Leute so sehr die Kontrolle über ihr Leben,
wenn mehrere Faktoren zusammen kommen, eine Sucht, psychische
Erkrankungen usw.
Da würde ich noch näher drauf eingehen.

Hm ja, ich kann deine Kritik schon nachvollziehen, wollte darauf aber eigentlich
absichtlich nicht näher eingehen. In Gedanken dachte ich wohl eher an eine Frau,
die zu stolz ist, um staatliche Hilfe in welcher Form auch immer, anzunehmen.
So eine vom alten Schlag, die sich immer irgendwie allein durchgekämpft hat,
weißt du?!
In jedem Fall dachte ich nicht an eine Suchtkranke, sonst hätte ich das im Text
irgendwie angedeutet.

Abschließend nochmals vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren, Frank.

Herzliche Grüße von no-name.
Gast
 

Beitrag#4von Frank P. » 16. Dez 2007 18:03

Ja,

das kann ich nachvollziehen, aber ich finde,
du solltest es deine Protagonisten in ein, zwei Sätzen erwähnen
lassen. Dann wäre der Stolperstein eliminiert, und die Geschichte
wäre rund.

Liebe Grüße

Frank

P.S.: Was die Fehler angeht, das geht mir genau so.
Ein zwei Patzer bleiben immer, da kann man noch so genau
nachsehen.
Frank P.
Nutzerkonto inaktiv
 
Beiträge: 101
Registriert: 06.2007
Wohnort: Bielefeld
Geschlecht: nicht angegeben

Beitrag#5von Gast » 16. Dez 2007 18:10

Okay Frank, ich werde ernsthaft darüber nachdenken...
Danke für diesen Anstoß.

LG zurück...

no-name.
Gast
 


Zurück zu "Anti-Weihnachts-Wettdichten"



cron