Sozialisier-Bar

 Suche



benutzerdefinierte Suche

Eva Kurowski läßt den Ruhr-ge-Beat swingen

September bis November 2008

Alles joote!

Beitragvon Matze am 29.Sep.08 12:29

Eva Kurowski läßt den Ruhr-ge-Beat swingen

Ähnlich wie bei »The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman« von Laurence Sterne, beginnt die Geschichte von Eva Kurowski vor der Geburt: „Es begann damit, daß mein Vater, der ein begeisterter Trompeter, Marxist und Grafiker war, einen Samenerguß hatte, und zwar in meiner Mutter.“ Frei von der Leber weg berichtet die ‚Disöse’ Eva Kurowski in »Avanti Popoloch« über eine ‚sozialistische Kindheit im Ruhrgebiet’. Die Autorin ist eine ironische Realistin, sie schreibt einen biographischen Text, der alle Nuancen der Welt– und Ich–Erfahrung aufnimmt und in Sprachklang umsetzt. Ihr Buch liest sich wie ein über Jahre gereiftes Initiationsbuch einer Autorin, die darin ihre Berufung zur Schrift schildert. Indem sie ihre Leser auf falsche Fährten lockt, führt sie sie auf die richtige Spur. Eva Kurowski ist eine Kartographin des Ruhrgebiets, das sie so detailgetreu nachzeichnet, daß das Abbild mit der Wirklichkeit deckungsgleich wird, um alsbald in dieser zu zerfallen. »Avanti Popoloch« besteht aus Simulakren, aus quasi parodistischen Nachahmungen des wirklichen Lebens, wir treffen Edelkurt, Jerko, Fasia und Helge Schneider, also lebensechte Menschen aus der Region. Bei dieser sozialistischen Kindheit im Ruhrgebiet ist niemand gleichgeschaltet. Jeder lebt sein Drama, jeder ein anderes. Eva Kurowski weiß es, und sie gestaltet diese Dramen ebenso gewaltig wie zart. Ihre halluzinativ genaue Wiedergabe von Geringfügigkeiten, in deren Verkettung ein Ort und eine Zeit decodierbar werden, macht sie zur Post-Pop-Autorin, einer Heimatdichterin fern aller Folklore und eine Reiseschriftstellerin im eigenen Hinterhof. „Im Hinterhalt des Alltags sind wir verlorene Kinder“, scheint es immer wieder aus dem Subtext von »Avanti Popoloch« zu raunen. Doch haben einige die Chance, das Ganze selbstbestimmter zu bestehen. Was bei ihrer CD »Reich ohne Geld« an lächelnder Schwermut antönt, findet sich auf knapp 200 Seiten in »Avanti Popoloch«, ihre eigentliche Kunst bleibt ganz an der Oberfläche, fast hält sie die Firnis, die unmittelbarste, epidermische Wirklichkeit fest. Eva Kurowskis Menschenporträts, von Erörterungen der eigenen Zerrissenheit durchwirkt, verdichten sich zum Sittengemälde des Ruhr-ge-Beats. Ihre kompositorische Wurstigkeit macht sie mit Ansätzen zur Konzeptkünstlerin avant la lettre wett. Das entfesselte Wort wird in »Avanti Popoloch« zu einem erstaunlichem Buch: Es kommt unangestrengt daher, entfaltet seine Lebensklugheit ohne Belehrsamkeit und erweist sich überdies als großes Lesevergnügen.

Matthias Hagedorn




»Avanti Popoloch« von Eva Kurowski, Asso-Verlag, Oberhausen, ISBN 978-3938834-33-6
Matze
 

Beitragvon Zefira am 29.Sep.08 12:37

Der obige Text klingt zwar wie Realsatire, ist aber bare Realität - nur um anderen des Ausflug über Wiki zu ersparen :mrgreen:

Trotzdem erinnern mich Rezensionen wie diese

eine Kartographin des Ruhrgebiets, das sie so detailgetreu nachzeichnet, daß das Abbild mit der Wirklichkeit deckungsgleich wird


... immer ein wenig an Hitchcocks Ausspruch: "Welche Frau, die den ganzen Tag am Spülstein gestanden und den Abwasch gemacht hat, will fünf Dollar an der Kinokasse bezahlen, nur um auf der Leinwand eine Frau zu sehen, die am Spülstein steht und den Abwasch macht?"
Ohne dieses Buch gelesen zu haben - ich würde es mir übrigens schon wegen des Titels nicht kaufen ...

Gruß von Zefira,
die gleich zurück an den Spülstein muss

/edit: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Bild
______________
Wir dürfen also keinem verraten, was niemand weiß. (Donnie Darko)
Schmollfisch
Benutzeravatar
Zefira
 
Beiträge: 364
Registriert: 22.Nov.06 21:57
Wohnort: Hessen, am Rhönrand
Geschlecht: Keine Angabe
Blog: Blog lesen (0)

Beitragvon Melusine am 29.Sep.08 13:53

Hallo Matze,
danke für den schönen Gastbeitrag! Ich hab ihn mal vom Ankündigungstext abgetrennt, auf dass er ein würdiges Eigenleben führe :)


@ Zefira:

Also ich hab mal bei amazon bisschen reingelesen, da gibts nämlich einen Auszug aus dem Buch, und ich denke ich würds schon lesen, es ist witzig geschrieben. Den Titel find ich allerdings auch ein bisschen... ähm... na ja.

Und... psssst, nicht weitersagen, aber: Ich glaube, Matze schreibt immer so ;). Nein, stimmt nicht ganz, meistens schreibt er noch viel anstrengender zu lesende Sachen, lach.

Ach ja, für die Geburtstagsglückwünsche ist es noch ein bisschen zu früh, aber wenn das Geburtstagsbuch rechtzeitig fertig werden soll, müssen wir eben jetzt schon sammeln :).
Mein neues Blog: Forumismus
Benutzeravatar
Melusine
 
Beiträge: 6598
Registriert: 22.Nov.06 10:50
Alter: 47
Wohnort: Wien
Geschlecht: Weiblich
Blog: Blog lesen (0)

Beitragvon Gast am 29.Sep.08 18:56

Also dat Buch von'ne Eva is wirklich witzisch.
Gast
 

Für alle Ohryeur, die am Spülstein ein Hörbuch hören wollen:

Beitragvon Matze am 21.Okt.08 09:08

Die Frage "Woher kann ein Bischof so gut küssen?" wird unstrittig von Eva
Kurowski beantwortet. Während man bei Elmar Steinrückens akustischen Western
den Gebrauch von Pfeil und Bogen erlernen kann, kämpft Helge Schneider mit
den Tücken eines Anrufbeantworters.

Fortzuhören ist schwieriger, als fortzublicken. Die Dimension des
Akustischen ist das Ausmaß der Unfreiheit. Als Hörende sind wir unfrei. Wir
sind alle Ohryeure*. In das geöffnete Ohr verschwindet gesprochene Sprache,
die sich in Erinnerungsräume einnisten kann, die verschwindet. Aber Sprache
verschwindet nicht immer spurlos, denn sie kann aufgerufen und erinnert
werden, sie kann durch einen Mund- oder Schriftraum mitgeteilt werden. Hören
bedeutet Eintauchen, es birgt ein Potenzial an Regression, so dass sich der
Hörer im besten Fall an den tiefsten Orten seines Wesens berührt fühlt. Das
Gehör ist der erste Sinn, der sich im Mutterleib bildet, und der letzte, den
der Sterbende verliert. Die Faszination des Hörbuchs geht über die Lust an
Geschichten hinaus und reicht, anthropologisch betrachtet, sehr tief.

Im Zeitalter der so genannten "Neuen Medien" erreicht man das Publikum
schwer mit Büchern. Wir erleben einen zunehmenden kulturellen
Analphabetismus, den auch die Indifferenz verursacht, zu der die modernen
Vereinfältigungsmedien verleiten. User leben eine Kultur der Ungeduld. Sie
wissen, wie man etwas findet, aber sie wissen eigentlich nicht was sie
finden möchten. Das Betriebssystem für die elektronischen Medien ist das
Lesen. Das Betriebssystem für das Lesen ist die Sprachkompetenz. Das
Betriebssystem für das Hören ist Aufmerksamkeit; eine knappe Ressource.

Wer nicht hysterisch über Kunst und neue Medien sprechen will, braucht nicht
in einen naiven Realismus zu verfallen. Es gibt auch dazu eine Alternative,
die nicht minder rational ist: die medienarchäologisch genaue Analyse jener
Änderungen der Wirklichkeit, die sich auf dem Weg von den einstige
Analogmedien wie Rundfunk oder Telefon zum Digitalmedium Computer ereignet
haben. Auch davon erzählt Helge Schneiders "Nächtlicher Anruf", ein
Kurzhörspiel des Mülheimers, das nur auf dieser CD erschienen ist.

Matthias Hagedorn

Die Do-CD "Ohryeure" ist nurmehr in wenigen Exemplar erhältlich:
info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Link: Zur literaturpädagogischen Arbeit = http://www.vordenker.de/weigoni/mpaed.htm
Matze
 
Beiträge: 224
Registriert: 21.Okt.08 08:56
Wohnort: Bad Mülheim
Geschlecht: Keine Angabe
Blog: Blog lesen (0)


Zurück zu/r Sonderausschreibung: Das Geburtstagsbuch



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste