Cool

Texte, bei denen das Sprachexperiment im Vordergrund steht (Lyrik und Prosa)

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Cool

Beitrag#1von torsten knott » 8. Dez 2006 00:14

Ich bin cool. Ich bin in letzter Zeit so abgefahren cool, dass mich die Leute auf der Straße anfassen. Den letzten, einen pickelgesichtigen Typen wollte ich ins Maul treten. Aber er jammerte und fiel vor mir in den Dreck. Ich sah mir das Elend durch die Gläser meiner Gucci Shiny Black Sonnenbrille an und sagte „Hey, Zwerg, wie heißt du?“ Er hätte antworten sollen. Stattdessen packte er mir an die Wade und winselte was von seiner Pickelvisage und dass er lange nicht mehr gepoppt hat. Weil ich so cool bin, widerte mich das im großen Maßstab an. „Hier, Streusel, nimm meine Gucci Shiny Black Sonnenbrille und halt einfach die Fresse, ja?“ Zuhause die gleiche Tour. „John, du bist ein cooler Junge geworden", sagte meine Mom als ich an meinem Bestseller arbeitete. Sie stand frech in der Tür und grinste mich saublöd an. Ich hab ihr tausendmal eingebleut mich nicht beim schreiben zu stören. Ich nickte Erwin zu, der nackt auf meinem Bett saß und mit einer Uzzi hantierte. „Mach sie kalt, Ern!“ Es war eine uncoole Sauerei. Ich zog mein Jacques Britt Hemd mit gemäßigtem Haikragen aus und bedeckte meine Mom. Sie war ne kleine Frau. „Hey John Das Hemd sieht ja aus wie von italienischen Jungfrauen genäht.“ Erwin sprang auf und stieß mit seinem Ständer gegen meinen Schreibtisch. „Jepp, Ern. Es hat Knöpfe über Kreuz angenäht und doppelt verknotet.“ Die dämliche Grinserei meiner Mom hatte meine Kreativität vermasselt. Ich ging zum Friseur. Alle starrten meinen coolen nackten Oberkörper an. Auf dem Weg klappte ich meine diamantbesetzte Lullendose auf und steckte mir eine Filterlose zwischen die Zähne. Neben mir entgleiste eine Bahn und überfuhr neun Leute. Acht waren tot, der neunte halbiert aber noch lebendig genug um auf der Bahre nach meiner Hose zu schnappen. „Hier, Opa, die kannste haben", sagte ich und zog meine coole Pierre Cardin 5 Pocket Jeans aus. Der Alte spuckte Blut. „Was fackelst du, Opa? ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Willste jetzt das Teil oder nicht?“ Schon griff eine vorwitzige Vettel nach der Hose. Ich kickte sie aus dem Weg. „Wie ist die Zusammensetzung?“, keuchte der Alte. „Na, was denkste denn, Kumpel? Sie wird deinen Rentnerarsch in Cotton Twill mit 2 % Elasthan-Stretch hüllen“ „Auch soft finish?“, piepste der Alte, furzte und starb. Ich schnippte ihm die Jeans auf die untere Körperhälfte und betrat Sekunden später in Unterhose und Schuhen den Friseursalon. Liane bediente mich wie immer nackt. „Du bist sooo cool", sagte sie als sie meine Kopfhaut massierte. Das geile Stück presste sich von hinten an meinen Rücken. „Komm, Lin, lass uns ficken!“, schlug ich nach einem Blick auf meine Unterhose vor, die schon an einer Seite riss. „Ei was haben wir denn da für ein hübsches Höschen!“, rief der Chef und wabbelte händeklatschend heran. Er war ebenfalls nackt und stierte auf meine coole Unterhose. „Ist das nicht eine Kaulberg follow me mit eingewebten Meeresalgen und linksdrehenden Aminosäuren?“ Mir wurde schlecht. „Hey Poppey, nimm die Hose und zieh sie über deine abgebrochene Möhre, bevor meine Augen explodieren.“

Lin lag erschöpft vor der Kasse. Ich warf ihr ein fettes Trinkgeld zwischen die kleinen Möpse und ging. Ich kam ohne Schuhe zu hause an. Ern war Bier holen. Mein Vater lümmelte in meinem Zimmer und fragte nach Mom. „Sie ist tot, Dad,“ sagte ich und warf mich aufs Bett. „Macht nichts Junge. Aber gegen die verdammte Klamottenverschenkerei musst du mal was machen. Das wird sonst zur Macke.“
torsten knott
 

Beitrag#2von Dani » 8. Dez 2006 00:55

Hallo torsten,

erst mal "willkommen in Forum"!

Skurril, deine Geschichte. Eigentlich war es für mich der Vater, der letztlich den Nagel auf den Kopf traf:
Aber gegen die verdammte Klamottenverschenkerei musst du mal was machen. Das wird sonst zur Macke.

Der Typ läuft tatsächlich die ganze Zeit herum und verschenkt seine Klamotten bis er nackt ist!
Hm, ein eindrückliches Bild, etwa "Ein Mensch, der sich von seinen materiellen Gütern trennt, bis er zur alten Unschuld in der Nacktheit findet", oder eben "Er gibt nicht von sich selbst, sondern nur von seinem Besitzt, den er unrechtmäßig mit seinem Selbst gleichsetzt". Das passt eigentlich beides nicht zu John und gleichzeitig ist es das, was die Geschichte interessant macht. Pervers auf eine Art und Weise.
Außerdem lässt du offen, was letztlich mit John passiert. Erkennt er sich etwa selbst? Oder geht er einfach neue Klamotten kaufen?
Gut finde ich auch den großzügigen Umgang mit Adjektiven. Hier passt das irgendwie. Größer, höher, schneller, weiter. Ein Gegenstand ist nicht einfach nur, sondern ist in verschiedenen Zuständen. Cool, saublöd usw.

Du sieht, ich denke noch daran herum. Gern gelesen habe ich den Text auf jeden Fall.

LG, Dani
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Beitrag#3von Gast » 8. Dez 2006 00:56

zynisch & echt soo cool



gefällt mir dieses Erstwerk.. hier

alleine die Idee... verdammt gut..


Des Kaisers neue Kleider in der "Mode-rne.. "
Gast
 

Beitrag#4von Dani » 8. Dez 2006 01:11

Lach, ich stand ja total auf dem Schlauch, was dieses Märchen angeht! Klar, das liegt ja auf der Hand. Na, macht nichts.
D.
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Beitrag#5von rosste » 8. Dez 2006 01:12

hallo torsten knott,
das ist gut geschrieben und spannend.
etwas zu wenig übertrieben, oder zu viel.

ein paar anmerkungen:
Den letzten, einen pickelgesichtigen Typen wollte ich ins Maul treten. - komma nach typen.

Stattdessen packte er mir an die Wade - mich an die wade..

sagte meine Mom als ich an meinem Bestseller arbeitete. - komma nach MoM

Ich hab ihr tausendmal eingebleut mich nicht beim schreiben zu stören. - komma nach eingebleut

aber noch lebendig genug um auf der Bahre nach meiner Hose zu schnappen. - komma nach genug

Was fackelst du, Opa? ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Willste jetzt das Teil oder nicht?“ - Ich groß geschrieben.

und betrat Sekunden später in Unterhose und Schuhen den Friseursalon - ein aufmerksamer leser hat mitbekommen, dass du halbnackt bist. du brauchst das nicht noch einmal zu erwähnen.

„Du bist sooo cool", sagte sie als sie meine Kopfhaut massierte. - komma nach sie.

„Ei was haben wir denn da für ein hübsches Höschen! - komma nach ei.

„Hey Poppey, nimm die Hose und zieh sie über deine abgebrochene Möhre, bevor meine Augen explodieren.“ - kein komma vor bevor.

„Macht nichts Junge. - komma nach nichts.

Aber gegen die verdammte Klamottenverschenkerei musst du mal was machen. Das wird sonst zur Macke.“ - kein besonders starker abgang nach dem drama.
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Beitrag#6von torsten knott » 8. Dez 2006 02:08

Danke, Leute. Da sind ja schon einige Meldungen zusammengekommen. Geht ja ganz schön fix hier. Mit Märchen hat der Text nichts zu tun, Dani/Casy, obwohls mir schon etwas schmeichelt, welche Assoziationsketten so losgetreten wurden. Es geht mir um den Ich-Erzähler, der so übersättigt durch die Welt rennt, dass er schon weit über den bloßen Egoismus hinaus agiert. Was liegt dahinter? Größenwahn oder eine perverse Art der Nächstenliebe? Ich weiß es (noch) nicht. Deshalb probiere ich es aus, das Aufeinanderprallen von Charakteren und Situationen, das Erzeugen einer Atmosphäre, die abstößt und gleichermaßen anzieht, aber letztlich jeden Versuch der Vermittlung ausschließt. Du liegst also gar nicht so falsch, Dani.

Muss es am Textende zwangsläufig einen starken Abgang geben? Das ist nicht meine Intention, Rosste. Solcherart literarische Knebel gehen mir auf die Ketten. In der Realität humpelst du ja auch weg, wenn dir jemand in den Fuß schießt. Oder hackst du ihn dir ab und knallst ihm den Angreifer um die Ohren?

Torsten Knott
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Beitrag#7von Gast » 8. Dez 2006 02:13

ich nahm auch nicht an das es dir bewusst war,

dass es an "des Kaisers neue Kleider" erinnert..

aber das tut es nun mal.. inhaltlich wie menschlich..

das Märchen hat eine " Aussage" und trifft auf dieses ebenso zu..

nimm es also einfach als Kompliment.. die moderne Fassung dieser Geschichte...

... gelungen jedenfalls..
Gast
 

Beitrag#8von Gast » 8. Dez 2006 12:56

ich habe mich köstlich amüsiert beim lesen. sehr gut geschrieben.
pulp fiction.
erinnerte mich an bukowskis letztes buch. das las ich an einem lauen sommernachmittag in einem ritt durch.
abgefahren gut halt und cool. megacool.

bon.
Gast
 

Beitrag#9von rosste » 8. Dez 2006 13:34

torsten knott schreibt:

Solcherart literarische Knebel gehen mir auf die Ketten.
- da reagierst du aber nicht gerade besonders cool.
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Beitrag#10von Gast » 8. Dez 2006 13:38

rosste, cool ist alles, was irgendwie abgefahren ist/klingt. mit der wahrheit und authentizität nimmt man es in
diesen kreisen nicht zu ernst. hauptsache, man macht was coooooooles - wie zb. sich selbst einen blasen.

bon.
Gast
 

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