Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Texte, bei denen das Sprachexperiment im Vordergrund steht (Lyrik und Prosa)

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Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#1von Ich bin zwei Öltanks » 3. Aug 2012 15:01

Ich fürchte, Sie vergreifen sich ein wenig im Ton, junger Mann.
Isch figg deine Mudda so hadd innarsch, die kotzt tagelang Wixxe dann.

Es geht in diesem Gespräch um verschütteten Cappuccino.

Nein, wie ordinär! Mäßigen Sie sich bitte.
Isch mäßige disch gleich ins Krankenhaus, du Opffa.

Kalten Cappuccino vom Vortag.

Es bringt doch nichts, sich über solch eine Lappalie in dieser übertriebenen Form zu echauffieren.
Ahscheloch, sprischsu deutsch mit misch odder ischwör, isch hau dir aufs Maul bisspritzt!

Der Fleck war kaum sichtbar und fing bereits zu trocknen an.

So beruhigen Sie sich doch. Ich bin sicher, wir finden eine gewaltfreie Lösung für das Problem.
Feige Schwuchtel. Wo sind deine Eier, Mann? Weinste jetzt wie Mädschnn, ischwör, ischtechdischab.

Es können kaum mehr als 100 Milliliter gewesen sein, vielleicht 120.

Ich möchte keinen Ärger. Ich bitte Sie, nehmen Sie diesen Schein, als Ausgleich für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten und gehen Sie. Meine Kollegen werden schon unruhig.
Will einer vonneusch Mißgeburt misch was? Ischneid eusch alle Schwanz ab, ischwör auf Koran!

STOPP! In meinen Texten dulde ich keine abgedroschenen Klischees.

Will einer vonneusch Mißgeburt misch was? Ischneid eusch alle Schwanz ab, ischwör auf Bibel!
Wenn Sie sich nicht augenblicklich bei mir dafür entschuldigen, daß Sie mir dieses Getränk über meine Hose geschüttet haben, werde ich Ihren Bewährungshelfer kontaktieren.
Nein, Mann. Is gut, tschill disch, tut mir leid, Mann. Isch kauf disch neue.

Wäre in dem versehentlich umgestoßenen Becher abgestandenes Waldmeistergelee gewesen, hätte es bestimmt keinen Konflikt gegeben.

Keine Ursache. Es ist ja niemandem etwas passiert. Sie haben ein Paket für mich, junger Mann?
Klar, Aldah. Unterschreibsu hier.
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Re: Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#2von Melusine » 3. Aug 2012 18:52

Ähm ... ich kenn mich leider in diesem Text nicht aus. Wer hat hier wem was über die Hosen geschüttet? Ist die Verwirrung Absicht? Oder steh ich bloß auf dem Schlauch?

Der Ton scheint mir gut getroffen, ich kenn ihn zwar nicht aus eigener Anschauung, dafür aber aus zahlreichen Kariktaturen angeblichen modernen Jugendsprechs. ;)
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Re: Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#3von Ich bin zwei Öltanks » 5. Aug 2012 03:51

Die Ausgangssituation, die sich im beim Tippen in Kleinhirns Hintergund tummelte, war ...
ungelernte Aushilfskraft stellt verbeamteten Sacharbeiter im Büro ein Paket zu und stößt dabei eine Tasse Kaffee um.
Daraufhin erfolgen Stereotypen und Monogasmen, die sich gegen Ende ins Gegenteil verkehren, weil der Autor merkt, daß er zu viele Klischees bedient. Dies versucht er dann, durch eine geringere Anzahl von Gegenklischess auszugleichen.

Die Aussageabsicht des Textes spielt sich zwischen den Zeilen ab. Eigentlich sogar zwischen den Zeilen zwischen den Zeilen. Es geht um das Verhältnis zwischen "Gewinnertyp" und "Verlierertyp", die gegenseite Abhängigkeit beider Parteien und den schmalen Grad, der die jeweiligen Definitionsparameter voneinander trennt.
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Re: Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#4von Melusine » 5. Aug 2012 15:03

Jaja, schon klar das mit zwischen den Zeilen und Klischees und so ...

Aber am Anfang kommt es mir eher so vor, als hätte der verbeamtete Sachbearbeiter dem jungen Paketboten mit Migrationshintergrund Kaffee über die Kleidung geschüttet. Der regt sich darüber auf, der Beamtentyp versucht abzuwiegeln, die Sache ist ihm peinlich, er macht sie deshalb geringfügiger als sie ist (war ja eh nicht mal eine volle Tasse und außerdem kalt und sooo schlimm is das schließlich auch nicht, eine halben Becher Kaffee über die Kleidung geschüttet zu kriegen, das trocknet schließlich wieder und auf Jeans sieht man eh keine Flecken ...); an der Stelle, an der sich der Autor einmischt, kippt der Text, die Rollen sind plötzlich vertauscht. So würd ich es jedenfalls lesen. Andersrum macht es doch keinen Sinn ... oder ist der Beamte ein verschreckter Pykniker unbestimmbaren Alters, der sich vor dem türkischen Jüngling und dessen Drohungen fürchtet und ihm deshalb Geld anbietet, damit er mit seinem - vermutlich recht lautstarken - Geschimpfe aufhört, obwohl er selbst der Geschädigte ist? Und am Ende kippt die Situation insofern, als er plötzlich ein arroganter Arsch ist, der seinerseits den schimpfenden jungen Mann einschüchtert?

Bin immer noch verwirrt ...
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Re: Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#5von Ich bin zwei Öltanks » 5. Aug 2012 15:34

Ja. Nein.
Ja, nein, die für sich alleine stehenden Zeilen sind Metaebene Erzähler. Die sind nicht Teil des Gespräches.

oder ist der Beamte ein verschreckter Pykniker unbestimmbaren Alters, der sich vor dem türkischen Jüngling und dessen Drohungen fürchtet und ihm deshalb Geld anbietet, damit er mit seinem - vermutlich recht lautstarken - Geschimpfe aufhört, obwohl er selbst der Geschädigte ist?


Jepp.


Und am Ende kippt die Situation insofern, als er plötzlich ein arroganter Arsch ist, der seinerseits den schimpfenden jungen Mann einschüchtert?


Jepp.
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Re: Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#6von Melusine » 5. Aug 2012 19:05

Ah, okay, alles klar.
Sorry, ich mach das normalerweise eher nicht, dass ich solche Sachen nachfrage, aber ich hab mir mit dem Text echt schwergetan. Vielleicht, weil der "auktoriale Erzähler" so aus der Mode ist, dass ich fast automatisch denke, das ist ein Ich-Erzähler, der eine selbst erlebte Situation schildert.
Dass die dazwischengestellten Sätze nicht Teil des Gesprächs sind, war mir schon klar, aber ich schrieb sie offenbar irgendwie als Hintergrundgedanken dem einen Sprecher zu. Obwohl das gar nicht passt, weil der ja zu solch reflektierter Denkungsart gar nicht fähig scheint. Tja ... Denkgewohnheiten halt. (Meine jetzt.)
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Re: Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#7von Ich bin zwei Öltanks » 5. Aug 2012 21:18

Ich kenne ... kaum Geschichten ohne auk..tio ...
ohne allwissenden Erzähler.

Kein Problem, wer will schon modisch sein. ICH NICHT!


Der kommt bestimmt wieder mal in Mode, der Auktio. Allwissenheit ist schwer zu toppen.
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Re: Wen nennst du hier Loser, Schwachmat?

Beitrag#8von Der Ohrenschützer » 5. Aug 2012 23:57

Hm. Das dringt nicht mit voller Bewunderungswürdigkeit zu mir durch, die so ein vielschichtig durchwirktes Textgeflecht eigentlich auslösen könnte. Vielleicht weil beide Charaktere auf mich so flach und unglaubwürdig wirken (das müssten sie nicht, auch wenn sie Klischees bedienen), daher stört mich die Kippe auch nicht, was den Text hätte interessanter machen können. So bleibt der Text für mich... langweilig, trotz der vielen Ebenen und des originellen Metaeingriffs (wenn man Doppöl-Texte kennt, halt nicht ganz so originell). Man könnte daraufhin argumentieren "Ja, aber er *soll* ja langweilig sein, weil..." - woraufhin ich sagen würde "Dann *soll* er nicht erwarten dass ich ihn mag".

Sorry. Mein Eindruck. Peace. 8-)
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