... aus gutem Hause

März/April 2011

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Umfrage endete 11. Apr 2011 18:16

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... aus gutem Hause

Beitrag#1von debruma » 25. Mär 2011 13:04

Aus gutem Hause

„... die jüngste aber war so schön, dass die Sonne selbst sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien.“
„Wie Kleo!“, ruft Lana dazwischen. Die anderen schubsen sie. Wollen keine Unterbrechung.
„Ja, wie Kleo“, sage ich und lese weiter. Vom Froschkönig.

*

Seit einer Ewigkeit ist Kleo der erste Mensch, der fünf Klassen über seiner Einstufung arbeitet. Sie gilt als wahre Schönheit, in einer Welt, aus der die Hässlichkeit verbannt ist.
Ein oder zwei Klassen zu überwinden, ist möglich. Es zählt nicht allein die Genetik oder die physiologischen Marker.

Wir sind weit. Aber nicht so weit, jeden Charakterzug, jedes Talent vorhersagen zu können. Sozialer Status und das psychologische Profil spielen ebenso eine Rolle bei der Zuordnung.

Kleo ist meine Schwester.

*

„Wir müssen reden.“
Mein zukünftiger Schwager legt die Fingerspitzen aneinander. Sein Gesicht gleicht dem einer griechischen Statue. Er gehört zur Elite. Bald wird er in die Politik gehen. Gleich nach seiner Heirat.
„Es gibt ein Problem.“
„Mit Kleo?“
„Nein. Mit dir.“
„Mir?“
„Ja, die Prüfung aller potentiellen Familienmitglieder hat ergeben, dass du eine Anomalie aufweist.“
„Was für eine Anomalie?“
Er zuckt mit den Schultern. Er ist kein Genetiker. Ich schon.

„Nichts bedeutendes. Für dich. Ein unbekanntes Muster. Vielleicht ein Retrovirus, wer weiß. Aber Fakt ist – es gibt eine Anomalie.“

Das ist allerdings ein Problem. Kleo steht zwei Klassen unter ihm, gemessen an ihrer Arbeit, sieben in ihrer Einstufung.
Die Heirat ist eine Sensation, nur verzeihlich durch ihre überirdische Schönheit. Für ihre Kinder aber kann Kleos niedriger genetischer Standard negative Auswirkungen haben. Insbesondere wenn der Rest der Familie nicht lupenrein ist. Die politische Führung obliegt den perfekten Familien.

„Warum die Abweichung nicht vorher entdeckt wurde, konnte mir keiner erklären. Vermutlich sind unsere Leute einfach besser.“ Damit meint er die Labore im Besitz seiner Familie.

Es wurde nicht entdeckt, weil mein Vater es verhindert hat. Das sage ich ihm nicht. Ich darf das nicht wissen. Ich weiß viele Dinge, die ich nicht wissen darf.

„Du wirst sie nicht heiraten?“
„Natürlich werde ich sie heiraten. Kleo ist perfekt. Der Beweis, dass dieses ganze Gerede von der genetischen Diskriminierung Blödsinn ist!“
„Was dann?“
„Deine Eltern sind bereit, bekannt zu geben, dass du adoptiert bist. Sie haben dies bisher nur verschwiegen, um dich und Kleo nicht zu belasten.“
„Ich bin aber nicht adoptiert.“
„Nach meinen Unterlagen hier schon.“

*

„Du machst die Familie kaputt“, meine Mutter schreit. Ich habe sie noch nie schreien hören. Emotionale Stabilität ist ein wesentlicher Bewertungsfaktor.

„Ich mache die Familie kaputt? Ihr gebt mich doch zur Adoption frei!“ Ich schreie öfters. Wahrscheinlich Folge meiner Anomalie.
„Das ist nicht korrekt“, sagt mein Vater, „Adoption ...“
„Das weiß ich!“
Er geht ein paar Schritte, räuspert sich: „Das ist eine einmalige Gelegenheit für unser Familie. Nicht nur für Kleo oder uns sondern für alle. Für unsere Enkel, Großenkel ...“
„Und ich? Ich werde um mindestens drei Klassen herabgesetzt. Mit einer Herkunft, die offensichtlich soziologisch defekt ist. Übrigens, das bedeutet: ich verliere meine Arbeit.“
„Nein, nein“, meine Mutter wiegelt ab. „Kleos Mann wird das regeln. Höchstens eine Klasse.“
„Es gibt keine Klassen!“, brüllt mein Vater. Er arbeitet beim Verfassungsschutz. In einer Position, die heutzutage für ihn unerreichbar wäre. Vor 30 Jahren steckte die Einstufung in den Kinderschuhen.

Offiziell gibt es keine Klassen. Es gibt Gutachten. Unzählige Gutachten. Ich möchte sagen, Gutachten vom ersten Atemzug an. Aber dies ist falsch. Vom ersten Herzschlag ebenso. Bereits die halbloiden Chromosomensätze werden analysiert, bewertet. Aussortiert.

Eine Zusammenstellung der Gutachten, digitale Auswertung, das Zugrundelegen eines Punktesystem und eine daraus folgende Beurteilung sind verboten. Aber wir haben sie alle gelesen. Unsere Beurteilung und die der anderen. Die Schulen, die Arbeitgeber, die Versicherungen, die Partnervermittlungen. Haben sie gelesen. Jede einzelne.

„Du hast das geplant“, sage ich, „von Anfang an. Du wusstest, du bekommst keine perfekten Kinder, also hast uns molekurlargenetisch überarbeiten lassen. Bei Kleo hat das funktioniert, bei mir nicht. Aber das ist nur aufgeflogen, weil du auf die Labore seiner Familie keinen Einfluss hast.“
Ich weiß viele Dinge, die ich nicht wissen darf. Er schweigt.

„Sag mir warum. Bitte. Papa.“

„Weil Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht. Besser. Es heißt nicht umsonst 'aus gutem Hause stammen'. Das war schon immer so und wird so bleiben. Adel, Geld, Rasse, was immer man als Elite ansah zu seiner Zeit, man bleibt, wozu man geboren ist. Glaubst du vor 70 Jahren hätte ein Kind aus der unteren Schicht in die Vorstandsetage geschafft? Oder zum Unternehmer? Aus eigener Kraft? Weil es so klug und fleißig ist? Pah!“

*

Miu nimmt es gelassen, dass ich bald nicht mehr für sie arbeiten werde. „Dann macht das ein anderer“, sagt sie, „du bleibst für uns wichtig. Keine Sorge."
Sie ist die Leiterin der Eliteklinik für Geburtswissenschaften. Die Erfinderin des KU. Des künstlichen Uterus. Der menschliche Körper ist anfällig. Schon ein kleiner Infekt kann Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben. Genetisch einwandfreies Material kann sich nicht optimal entwickeln.

Zehntausende Kinder wachsen hier jedes Jahr heran. Wir sind weit. Aber nicht fehlerfrei. Die Kenntnis der DNA genügt nicht. Sie ist nur ein vager Bauplan, wie er abgelesen, wie er umgesetzt wird, bleibt komplex. Die Kinder wachsen im KU heran. Es werden RNA-Gutachten und proteinerge Karteien angefertigt. Nur die perfekten schicken wir ins Leben.

Die anderen fallen in meinen Bereich. Forschung. Fehleridentifizierung. Statistik.

Miu und ich verstoßen gegen die Regeln. Wir wählen Kinder aus, fehlerhafte, und bringen sie zu ihr. Miu ist Elite. Niemand kontrolliert die perfekten Geschöpfe unserer Zeit. Niemand zweifelt an der Klasse.
Nicht alle Kinder überleben. Der Transport ist alles andere als optimal für unreife Neugeborene. Aber wir haben keine Wahl.

Ich bin es, der die Kinder aussucht. „Du hast die Gabe“, sagt Miu, „die Intuition, welche gerettet werden müssen.“
Daran muss ich glauben. Sonst wäre ich nicht besser. Auch ich sortiere die Lebenswerten aus.
„Besser?“, sagt Miu, „Wieso besser? Wir versuchen zu retten, was zu retten ist. Das ist ein dreckiges Geschäft. Was glaubst du, was wir sind? Superhelden?“

*

Das Märchen vom Froschkönig ist längst zu Ende.
„Was machen wir, Miu?“ frage ich. „Wir können sie nicht ewig verstecken.
„Nicht ewig, aber heute.“

*

Lana sucht mich. Sie will nach Kleo fragen. Die Nachricht der Hochzeit ist in den Medien.
Ich sehe sie an. Beuge mich herab. Nah. Ganz nah an ihr Gesicht. Ein Gesicht, dass es in dieser Zeit gar nicht geben dürfte.
„Ich verrate dir ein Geheimnis“, flüstere ich, „du bis das Schönste, das ich je gesehen habe.“
Zuletzt geändert von debruma am 7. Apr 2011 09:16, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#2von Melusine » 7. Apr 2011 01:34

Ganz ehrlich? Ich finde die Geschichte toll, kapiere aber noch nicht so ganz, wie sie ins Thema reinpasst. Macht aber nichts. Ich bin logischerweise voreingenommen, da ich mir das Thema ja selber ausgedacht habe.
Jedenfalls gruselig. Erinnert mich ein bisschen an "Brave New World".
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#3von debruma » 7. Apr 2011 09:55

Schöpfungesakt - Gott sein - Schaffung paradiesischer Zustände - der Mensch nach Abbild Gottes - Allmacht

Der Protagonist ist aktiver Teil dieser Maschinerie, er trägt das Schwert - und fällt zweifach.
1. Verstoßen als unzureichender Diener der neuen Göttlichkeit
2. bringt er die Dunkelheit in die Welt. Das Unvollkommene, das Unreine, das was keiner sehen und haben will.
Er erschafft eine Unterwelt zum Paradies

:typo_051: --> :evil:
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#4von Melusine » 7. Apr 2011 14:44

Ah, alles klar. Danke für die Erklärung!
Ich glaube, was mich vor allem irritiert hat war, dass es in deiner Geschichte keine erkennbare, zentrale Machtinstanz gibt. Insofern hast du damit uralte Mythen in unsere moderne Welt übertragen ... oder so. :-)
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#5von debruma » 7. Apr 2011 15:20

Hm.
Die Machtinstanz ist halt entpersonalisiert. Der Glaube gilt nicht mehr Gott, der Glaube gilt der Information (Genetik, Wissenschaft). :roll:
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#6von Der Ohrenschützer » 7. Apr 2011 18:15

Großartig.
Tolle Geschichte, vom Thema stark abstrahiert. Der Mensch hat Gott für tot erklärt und seinen schöpferischen Platz eingenommen. Die gefallenen Engel widersetzen sich dem Plan.
Stark bis ins Detail, es stimmen für mich die Linie, Tempo, Charaktere und Stil. Auch die Dialoge sitzen. Hut ab. 8-)
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#7von Literarchie » 7. Apr 2011 18:19

So, ich hab es jetzt nach einigen vergeblichen Versuchen geschafft, die Umfrage wieder dranzuhängen, alle bisherigen Ergebnisse sind futsch. BITTE AUF GAR KEINEN FALL TEXTE IN DER BEWERTUNGSPHASE ÄNDERN!!! Dann ist nämlich die Umfrage weg!

Alle bisherigen Bewerter - bitte noch mal abstimmen - danke.

Scheiß Technik! HURZ!!
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#8von fabuln » 10. Apr 2011 16:01

... da hat er durch und durch recht und ich kann es nicht besser formulieren und schließe mich kurzerhand ihm an. Und würde allenfalls noch ergänzen, das der letzte Abschnitt/Satz auch deshalb etwas beruhigend ist, dass es ein Märchen bleibt?
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Re: ... aus gutem Hause

Beitrag#9von debruma » 11. Apr 2011 11:56

Ohrenschützer, fabuln - danke.
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