Bedürfnisse

März/April 2011

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Umfrage endete 11. Apr 2011 13:55

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Bedürfnisse

Beitrag#1von EMJu » 3. Apr 2011 12:58

Was ich mir bei Tage versagte, bei Nacht wollte ich nicht darauf verzichten, sah mich doch niemand in diesen Stunden, wunderte sich keiner oder stieß sich daran. Auch war es so, dass ich es mir von Zeit zu Zeit gönnen musste, um nicht meiner inneren Unruhe zum Opfer zu fallen, denn schließlich war es dringlich wie der Menschen natürliche Bedürfnisse und ebenso erleichternd, wenn man sich seiner entledigte. Also saß ich am Fenster meiner kleinen Wohnung im dreizehnten Stock eines verlassenen Hochhauses in irgendeiner gottverdammten Stadt (wie ich hierhergekommen bin, daran kann ich mich nur spärlich erinnern; ich glaube, ich wurde einfach ausgesetzt) und wartete darauf, dass die Sonne sich endlich hinter die zackigen Kanten des Westens begab. Derweil leckte ich an den Resten der abgenagten Knochen jener unglückseligen Ratte, die sich am Vormittag vor meine Tür verirrt hatte und versuchte mir einzureden, dies sei ein vorzügliches Mahl und sein Geschmack durch nichts zu übertreffen. Ein gewisses Maß an Selbsttäuschung erleichtert selbst Wesen wie mir das Dasein ungemein.
Dieses traurige Abbild einer Stadt, welches sich vor meinem Fenster erstreckte, entsprach ganz und gar meiner Grundsituation: Einst voller Leben war sie nun zu einem langsamen, unspektakulären Dahinsiechen verdammt, von dem niemand sagen konnte, wie lange es sich hinziehen mochte. Was auch immer hier früher an Freude, Glück und Erfolg gediehen war, nun war alles vertrocknet, verstaubt. Allein zu vergehen schien noch erstrebenswert - aber selbst das ließ sich nicht erzwingen.
Ich schob die Knochen mit meinem nackten Fuß beiseite und trat auf den breiten Fenstersims. In den Lichtresten der sterbenden Dämmerung streifte ich den langen Mantel ab, den ich am Tage trug. Eine kühle Abendbrise umstrich meine lederne Haut, meine verbrannten Flügel entfalteten sich zuckend. Ich breitete die Arme aus und reckte sie empor. Erinnerungen umfingen mich, Gedanken an die guten Tage, als ich noch das süße Licht der goldenen Himmelssphären wie Atemluft in mich hatte einsaugen können, als ich von seiner Kraft genährt an Gottes Schoß geschmiegt mich seiner Liebe erfreute, dem trauten Stimmspiel der Dankbaren lauschend, die ihre Gebete vorm Einschlafen kniend an ihren Betten aufsagten, den Lobpreisungen der Liebenden, wenn sie sich in Gedanken an den Herrn wandten, um ihm für ihr Glück zu huldigen, den stillen Freudentränen der gerade niedergekommenen Mütter im Kindbett, das Neugeborene sanft in den Armen wiegend. Ach … Was hätte ich doch darum gegeben, wieder von diesen Momenten zu kosten.
Vorbei. Auf ewig.
Auf der Straße unter mir war alles still. Ich beugte mich vorwärts, die Augen weit geöffnet. Die endlos scheinenden Tage ertrug ich klaglos, um diese Sekunde zu genießen, diesen Hauch einer Erinnerung. Meine Flügel würden mich nicht tragen wie früher, ich würde nur fallen, nicht gleiten, nicht schweben. Und bei meinem Aufschlag würde ich etwas wie sterben, nur dass ich davon wieder erwachte, nach Minuten, im gnädigsten Falle Stunden.
Mein Name ist Nelchael und ich war einst ein Engel. Heute bin ich nur noch ein Wesen, das sich Nacht für Nacht aus dem Fenster stürzt.
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Re: Bedürfnisse

Beitrag#2von Melusine » 7. Apr 2011 01:03

Hach ... da schwelgt meine Dramatik und Morbidität liebende Leserinnenseele. Ich würd ja sooo gern selber sowas schreiben können, aber mir geriete das kitschig. Aus lauter Neid würd ich dir jetzt am liebsten Punkteabzug geben. :)
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Re: Bedürfnisse

Beitrag#3von EMJu » 7. Apr 2011 16:24

Wow! Danke! :oops:
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Re: Bedürfnisse

Beitrag#4von Der Ohrenschützer » 7. Apr 2011 18:08

Wenn man so gut schreiben kann wie EMJu, darf gerne auch mal eine mittelgute Miniatur drunter sein, die ein bisschen holprig ist, dafür aber mit gewohnt schwungvollem, farbigen Stil ein Bild und eine präzise Stimmung zeichnet. Ein Text wie eine frisch gepflückte Weintraube, noch nicht berauschend, aber klein & fein und dem Genusse zuträglich. 8-)
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Re: Bedürfnisse

Beitrag#5von debruma » 8. Apr 2011 21:48

Ja, der Emu-Stil. 8-)

öhm. Die Idee ist so mittel - aber bei weitem nicht schlecht. Lebt doch solcherlei Text nicht vom Knüllerpotential sondern von der Stimmung und der mir oftmals zu volle Emu-Stil macht sich hier gut. Schwelgen und gefallen Engel passen zusammen.

Was definitiv gut ist: ich hätte dieses Text auch als anonyme Einsendung als einen Emu erkannt oder zumindest vermutet.

Dennoch: die Hälfte hätte es getan. Dann wäre mehr Dynamik und der starke Schlussmoment wäre leuchtender herausgestellt.

Aber es ist eben so eine Sache: wer gern mitschwelgt, der wird hochzufrieden sein. Ich kann diese starken Introspektiven momentan weniger haben, brauche mehr handfestes Erzählwerk. Wahrscheinlich die Ungeduld des nahenden Alters.

Schön dich mal wieder zu lesen, olles Federviech

d.
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Re: Bedürfnisse

Beitrag#6von EMJu » 10. Apr 2011 09:30

Danke für eure Komms. Debru, hier ne extra verdichtete Version für dich:

Alleine, verstoßen, verbrannt, aber immer noch flugwillig - plumps. :P
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Re: Bedürfnisse

Beitrag#7von debruma » 10. Apr 2011 11:47

'immer noch' kann weg :P
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Re: Bedürfnisse

Beitrag#8von fabuln » 10. Apr 2011 17:17

klasse

ein paar kleine versatzstücke waren mir nicht eingängig (beispiel: warum die augen weit geöffnet - interessantes oder gar neues wird doch nicht zu sehen sein?). aber das ist wurscht und tut nichts zur sache.
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