gestrandet

März/April 2011

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gestrandet

Beitrag#1von fabuln » 2. Mär 2011 18:45

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Der Versuch, sich zurückzulehnen, konnte nicht erfolgreich sein.

Seit diese Rucksäcke im Straßenbild üblich seien, sei es leichter. Denn wenn man sie so zusammenfalte wie diese modernen Regenschirme, passten sie schon angenehm hinein. Das sei schon eine große Erleichterung.

Natürlich störte der Rucksack, wie auch sollte man damit bequem sitzen können? Er war immer noch irritiert: war sein Gegenüber denn nun weiblich oder männlich?

Das sei belanglos. Wenn man sie nach vorn vor die Brust nehme, so, wie Fledermäuse es zum Schlaf tun, ergebe es unter dem Gewand eine weiblich anmutende Form. Das sei wohl der Grund für die häufige Darstellung als weibliches Wesen. Werden sie offen getragen und nicht durch Kleider oder lange Tücher verhüllt, gebe es wohl eher einen männlichen Eindruck.

Wie man denn damit lebt, wollte er erfahren. Es schien ihm alles doch recht unpraktisch.

Früher sei vieles einfacher gewesen. Da habe es noch Glöckner gegeben, was ihnen sehr entgegengekommen sei. Dort auf den Türmen sei man ungestört gewesen und es seien auch Gestalten mit ungewöhnlichen Äußerlichkeiten geduldet worden. Im Frankenreich bei Parisii habe es einmal einen sehr bekannten Vertreter ihrer Gattung gegeben. Und außerdem sei der Aufenthalt hoch oben über der Welt der eigenen Natur näher. Heute gebe es solche Möglichkeiten nicht mehr, sogar die Leuchtturmwärter würden immer weniger.

Aber wenn man als Götterboten unterwegs ist, verfügt man doch über beste Verbindungen?

Das mit den Boten sei schon richtig. In früheren Zeiten seien Dienste zum Überbringen von Nachrichten und zum Transport von Kleingut gern angeboten und auch reichlich genutzt worden. Und aus dem großen Überblick, den man nun mal habe und aus ihrer Perspektive seien halt viele Dinge zu sehen, die die Menschen nicht überschauen konnten. Das sei wohl als göttliche Eigenschaft erschienen, die es aber nie gegeben habe. Botendienste seien schon länger nicht mehr gefragt.

Es wunderte ihn, dass er von der realen Existenz des Gegenübers eigentlich noch nie gehört hatte.

Man habe zuletzt einmal etwas längeren Kontakt gehabt mit einem Dänen. Der habe aber Vieles falsch verstanden. Das sei fast immer so gewesen. Denn die Menschen würden ihnen fremde Dinge allzu schnell dem Religiösen oder Phantastischen zuordnen. Ob ihm schon mal aufgefallen sei, dass das Faravahar und das Signet der KPEV im Umriss ähnlich seien, obwohl die Dinge nichts miteinander zu tun hätten und zudem Jahrtausende auseinander liegen?

Weder das eine noch das andere kannte er. Warum sie denn nicht einfach offen getragen werden, denn heutzutage gibt es doch viele Spielarten der Mode und da fällt doch nichts mehr wirklich auf?

Sie seien halt empfindlich. Werden sie nass, brauche es lange, sie zu trocknen. Deshalb halte man sie lieber bedeckt. Und sie seien im täglichen Umgang recht sperrig. Wenn man mit ihnen anstoße, sei es arg schmerzhaft. Deshalb werden sie lieber unter der Kleidung getragen. Manchmal könnten sie schon gezeigt werden, bei jenen kultischen Ereignissen, wo die Menschen bei lautem Lärm und nach Einflößung von leichten Giften wild herumsprängen.

Er wollte noch vom täglichen Leben erfahren: Gibt es einen Aufenthaltsort, einen Lebensmittelpunkt, wovon und wie lebt man, wie ernährt man sich?

Leben, das sei abhängig von den Dimensionen Zeit und Raum. Selbst bewege man sich in der Zeit wie die Menschen in dem ihnen gewährten Raum. Das Dasein - ihr Dasein - habe auch eine Dimension, die er mit 'Leben' bezeichne könne, diese habe aber keine Bedeutung. Die Frage, wovon man lebe, sei mithin abwegig. Die bei den Menschen gängige Maßeinheit 'Tag' sei außerordentlich willkürlich und verändere sich ohnehin fortwährend. Ob er Michael gesehen habe. Für die Verabredung habe man sich den Strand von Archangelos ausgesucht. Das sei doch ein passender Ort, nicht wahr?

Er legte die Feder als Lesezeichen in das Buch und begann, die Umrisse der Insel in den Sand zu skizzieren. Grob markierte er die Lage von Rhodos, Lindos, Tsambika, Archangelos und anderer Orte. "Dort in Archangelos hat es seit Menschengedenken keinen Strand gegeben ..."

Ein Hauch ließ ihn aufblicken. Über den Hügeln verschwand ein Punkt am Himmel.

Beim Aufblättern des Buches wäre die Feder beinahe hinausgeweht. 'Menschengedenken' ist gewiss auch kein besseres Maß für die Zeit als 'Tag'. Morgen, auf der Heimreise, wird er bestimmt wieder in Höhe der Flügel sitzen müssen und mal wieder wird er nichts sehen können.
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Re: gestrandet

Beitrag#2von Melusine » 7. Apr 2011 01:17

Schöne Idee! Gern gelesen.
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Re: gestrandet

Beitrag#3von Der Ohrenschützer » 7. Apr 2011 20:36

Gute Idee, saubere Umsetzung. Den Engel mit schönen Wendungen geschlechtsfrei umgesetzt. Der Tenzdenz, zu trocken zu werden, mit ein paar satirischen Querverbindungen schön entgegengetreten. Trotzdem leise Momente eingebaut. Die indirekte Rede konsequent durchgehalten, was zum Lesen allerdings auf Dauer eher anstrengend ist; da hätte es mir persönlich besser gefallen, wenn klingendere oder exotischere Verben verwendet worden wären.
Das Ende allerdings unbefriedigend und seltsam offen, als ob noch weitere Kapitel folgen würden. Schade, dennoch überwiegt das Positive. 8-)
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Re: gestrandet

Beitrag#4von fabuln » 7. Apr 2011 23:15

Herzlichen Dank für die Rückmeldung, ich hab mich gefreut.
Das Ende, ja, das ist geprägt von Ziel- und vor allem Ratlosigkeit - ich weiss halt auch nicht weiter. Es ist arg vertrackt mit dem Geflügel! Andererseits hatte ich vermutet, dass es vielleicht mancher sich wegen des 'Dänen', 'Glöckner', 'Faravahar', 'Archangelos' und der 'KPEV' andernorts vergräbt, dass das offene Ende verschmerzbar wäre.
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Re: gestrandet

Beitrag#5von debruma » 8. Apr 2011 22:06

Ach fabu :roll:

Du schaffst mich.

Da ist nichts auszusetzen. Die handwerkliche Qualität, das Exakte, das Gezogene, die Dichte, die Sprache - alles auf einem Level, dass sich selten findet in Foren. Ich sollte vor Verzückung juchzen (vor allem da ich gerade in bookrix rumlese und schon nervöse Zuckungen und Alpträume von Präpositionen habe)

Aber stets ist es so: Ich jauchze nicht.

Wieso nur nicht? Es ist doch alles da?

Trotzdem bleibe ich draußen.

Dem Emu streiche ich immer den halben Text zusammen (innerlich) - aber am Ende stürze ich mitsamt dem Engel ab. Bei dir habe ich vielleicht mal ein winziges Wörtchen. Aber der Text bleibt mir doch fremd. Ich hätte jetzt beinahe gesagt, er liest sich, als sei er bei 30 °C waschbar und bügelfrei.

Aber das ist zutiefst ungerecht, denn er ist gut. Es ist nur dieses 'Pling', das etwas in einem zu Klingen bringt, so dass man den halben Tag etwas davon mit sich herumschleppt.
Das hat nichts mit Tiefe zu tun, es gibt auch Texte die leichthin sind, die dies haben. (Bsp. findet sich gerade auf dem Ohrnschützerblog in wässriger Form)

Schieb es auf mich. Wahrscheinlich fortschreitende Lyrikbehinderung.

debruma
übrigens: gg. Nur damit wir uns nicht falsch und so.
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