Den Umständen zuwider

Reime, freie Verse, "moderne" Lyrik (themenunspezifisch)

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Den Umständen zuwider

Beitrag#1von Nobili » 7. Feb 2010 14:23

Die Preise schwanken
Banken erkranken
Manch einer kriegt ne’ Krise in der Krise
Die Bienen verlassen die Wiese
Einige sind in Wut

Mir geht’s den Umständen zuwider gut


Die Schnäppchenjäger gehen ins Netz
Das Parlament macht noch ein Gesetz
Politik setzt auf Zukunft
Verkauft’s als Vernunft
Viele leben in Armut


Mir geht’s den Umständen zuwider gut

Die Lügen nehmen kein Ende
Ich hoffe auf ne’ Wende
Viele sagen Schönes und Wahres
Ich hab nichts Bares
Berappe nur die Rechnungsflut
Und doch

mir geht’s den Umständen zuwider gut

mach’ dir selber Spaß
weißt wohl irgendwas
Geh’ nicht auf den Leim
sei bei dir selbst daheim
Und zieh’ vor deinem Spiegelbild den Hut

Dann geht es dir

den Umständen zuwider gut
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Beitrag#2von Ich bin zwei Öltanks » 7. Feb 2010 15:37

Bei solchen Texten befallen mein bewußtes Denken gar aufdringlich nach Anzeichen für Satire suchende Wahrnehmungssubroutinen.

Parodien können bisweilen ihr Original so gut kopieren, daß sie direkt selber als Original durchgehen und von weniger feinfühligen Naturen erneut parodiert werden, was dann den Urheber der parodierten Parodie schadenfroh die Augenbrauen hüpfen läßt.

Ich gehe mal vom Ernstfall aus.


Zwei spontane Eingebungen während des Lesens:

1) Als Vocals für auf Konsumumgebung getrimmtes Pop- oder auch Schlagerliedgut gar nich mal so übel. Auf diesem Sektor, der ja auch seine Schreiberlinge braucht und im Gegensatz zu den meisten anderen lyrischen Ergußsektoren sogar Kohle abwirft dann und wann, gibbet echt Schlimmeres und viel hochgelobt Ähnliches.

2) Einige Metaphern im Text sind entweder sehr viel cleverer, als sie auf den ersten Blick erscheinen oder aber dermaßen unglücklich gewählt, daß man sie sich zwanghaft schöninterpretiern will und muß, um dem aus der Lektüre resultierenden Schmerz entgegenzuwirken.


Manch einer kriegt ne’ Krise in der Krise
Die Bienen verlassen die Wiese
Einige sind in Wut


Das tut schon ziemlich weh, aber ich bin ja lernfähig, sagt meine Therapeutin, die viel Geld dafür bekommt, mich nicht aufgeben zu dürfen.
Sind die die Wiese verlassenden Bienen ... Kleinsparer? Oder ... Taliban???


Die Lügen nehmen kein Ende
Ich hoffe auf ne’ Wende
Viele sagen Schönes und Wahres
Ich hab nichts Bares


Das Wort "Wende" ist natürlich durch bestimmte Ereignisse so gegen Ausklang der Neunzehnachtziger ziemlich überstrapaziert, fast schon mit fallenden Mauern gleichzusetzen.
Ok ... es reimt sich auf "Ende" ... aber, könnte es nicht sein, daß hier ein subtiles Geflecht aus Gesellschaftskritik und lyrischer Metaphysik die Wende in sich verkehrt ... Deutschland gar nicht als "Wender" der DDR versteht, sondern den Prozess quasi umkehrt aufgrund der vielen Ähnlichkeiten, die sich nach und nach in unserem Lande manifestieren (Stichwort "Stasi 2.0"), wobei es ja ausgerechnet der Osten ist, der eine dringend notwendige linke Front der Maßlosigkeit der Mitte entgegensteuert?!

Ok ... oder es reimt sich einfach nur auf "Ende". :eusa_shifty:

Noch sowas: erst nehmen die Lügen kein Ende, dann wird Schönes und Wahres gesagt, gefolgt von Kapitalismuskritik ... welch ungezügelte Achterbahnfahrt durch den außergewöhnlichen Neokortex eines möglicherweise mißverstandenen Genies ... oder aber ... Waldorfschule Hesselbach-Nord, Arbeitsgruppe "Kritische Poesie für Anfänger".


Bleibe dabei - Songtexte könnten dich mit etwas Glück stinkereich machen. Nicht unbedingt unsterblich, aber reich. Und für genug Geld kann man sich bestimmt irgendwann Unsterblichkeit kaufen. Wie's wohl Walt Disney heute so geht ... ?!
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Beitrag#3von Nobili » 7. Feb 2010 18:11

Das geht ja runter wie Öl!

Alle haben sie recht!

ich hoffe aber speziell, dass Du recht hast. (besonders mit dem "stinkereich werden").


PS. Das Wort "Wende" gab's schon vor der Wende und wirds auch weiterhin geben.
Gruß
N.
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