Ein Regentropfen schlug heut an mein Fenster

Reime, freie Verse, "moderne" Lyrik (themenunspezifisch)

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 911

Beitrag#11von t.a.j. » 6. Jun 2008 19:09

Hallo Lymielle,

zuerst einmal vielen Dank, dass du dich so intensiv und reflektiert mit meinem Gedicht auseinander gesetzt hast. Das tun nur wenige und es hat mich wirklich gefreut deinen Kommentar zu lesen.


Lymielle hat geschrieben:Mein erster Kritikpunkt sind auf jeden Fall die inkonsequente Zeichensetzung. Ganz oder gar nicht - oder: so wie es Sinn ergibt. Aber hinter den von Dir nicht gesetzten Zeichen sehe ich leider keine Absicht. Sollte da doch etwas dahinter stehen, bitte ich um Aufklärung. Wenn nicht wäre eine konsequente Zeichensetzung nicht nur einleuchtender, sondern würde es auch dem Leser erleichtert, durch deinen Regenschauer zu schwimmen.


Damit hast du völlig recht. Zeichensetzung ist etwas, bei dem ich mich schon immer schwer getan habe. Die "offiziellen Regeln" (wer schreibt sowas eigentlich fest? Ist das auch der Duden?) gehen einfach völlig an meinem Gefühl, wie und für was ich vor allem Kommata einsetzen will vorbei.

Ein Regentropfen schlug heut an mein Fenster,
er sagte mir: "Die Welt ist alt und grau."
[...]

Ich starrte in den Regen, mir war elend,
ich dachte mir: "Die Welt ist alt und grau."

Hier hätte ich einen ganz spontanen Vorschlag der mir nicht nur inhaltlich, sondern auch klanglich mehr zusagt: "Die Welt ist kalt und grau". Aber ich gehe mal davon aus, dass Du weißt, was Du an deinem Gedicht ändern möchtest und was nicht. Meiner Meinung nach würde diese klitzekleine Veränderung das Gedicht noch ein wenig stimmungsvoller machen, als es jetzt schon ist. Denn das Kalte und Graue spricht eindeutig aus deinen Zeilen.


Ich glaube ich kann deinen Eindruck nachvollziehen, aber das alt sein der Welt hat schon einen recht konkreten Hintergrund, auch wenn den wahrscheinlich kaum jemand nachvollziehen können wird. Die gedacht Assoziation ist eine von überlebt und überkommen sein, im Altern hat die Welt Farben und Formen verloren. Verblichene Photos und verwitterte Statuen.

Auch wenn Du hier ohne Reime arbeitest, hakt hier der Lesefluss anhand des Metrums an manchen Stellen. Hier einmal zum aufzeigen; die störenden Stelle habe ich rot markiert:

Ein Regentropfen schlug heut an mein Fenster,
er sagte mir: "Die Welt ist alt und grau."
Schon kam ein anderer ihm nach, verwischend,
und kein Wort drang durch das Rauschen mehr zu mir.


xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xxXxXxXxXxX oder angepasst gelesen: XxXxXxXxXxX

In der letzten Zeile kann man sich beim Lesen zwischen einem unsauberen Metrum entscheiden, dass am Anfang doppelt unbetont ist, oder aber man wechselt zu einer anfänglichen Hebung. Automatisch liest man es im Lesefluss auf die erste Weise, sodass es doch störend wirkt. Zweitere Leseweise ist als Umstellung aber noch zerhackender. Eventuell wäre es eine einfache Lösung das "und" am Anfang der Zeile zu streichen.


Es gibt tatsächlich eine ältere Version ohne das "und". Aber ich fand immer, dass es sich doppelt unbetont besser spricht.

Diese Strophe ist vom Lesefluss eindeutig die schwächste. Außerdem wird "draussen" mit ß also "draußen" geschrieben. :wink:


Danke, korrigiert.

Was die verlängerte zweite Zeile angeht, empfinde ich diese Unregelmäßigkeit durch die Assonanz von "Silhouetten" und "Wasserflecken" als wirklich gelungen. Aber die darauffolgenden Zeilen schmeißen mich als Leser völlig aus dem Rahmen - und zerstören so die Stimmung und auch den sonst positiven Eindruck, den man während des Lesens bekommen hat. Statt "zufällig" könntest Du hier "beliebig" oder "wahllos" nehmen. Auch in der nächsten Strophe schließen die Passanten holprig an das "geworden" an. Hier kann ich Dir spontan aber keine Alternative nennen, muss Dir aber dringend empfehlen diesem Fehler Abhilfe zu schaffen, da er wohl am meisten negativ auffällt.


Nichts an der letzten Strophe ist rythmisch zufällig. Man soll ins stottern kommen. Schon in der ersten Stophe soll "grell" aus trüben Stimmung reißen, einen Eindruck von unwohlsein vermitteln. Inmitten der romantischen Melancholie entspringt etwas bedrohliches. Das schöne im Düsteren muss weichen. Die entmenschlichten Passanten sind nicht mehr nur formverlorene Ängste. Sie stören. In dieser Traurigkeit kann man die Augen nicht mehr schließen. Man will schlafen, doch die Welt ist zu bedrohlich geworden. Das beruhigende Geräusch von Regen beruhigt nicht mehr.

Mir ist klar, dass ich es damit meinen Lesern schwerer mache, aber hier soll das Gedicht eben auch gerade durch den Rythmus sprechen, Bedeutung, die nicht mehr nur in den Worten steckt vermitteln.

Ansonsten liest sich dieses Gedicht sehr angenehm und es kommt durch die Wortwahl und die Klangkombinationen wirklich eine tolle Stimmung auf. Du arbeitest mit schönen Formulierungen und Bildern.
Nur der Titel ist ein weiterer Kritikpunkt - hier hätte ich persönlich etwas Kreativeres erwartet.


Titel sind eine schwierige Sache. Generell ist der Titel der Themas hier nicht an sich der Titel des Gedichts, es ist die erste Zeile, die das Gedicht identifizierbar macht. Einen Titel zu wählen sollte eine wohlüberlegte Sache sein, denn der Titel muss mit dem Text kommunizieren. Ein guter Titel sagt dem Leser am Ende des Gedichts mehr als bevor er es gelesen hat. Einen solchen Titel weiß ich für dieses Gedicht nicht. Ich habe es einmal "Regentag" genannt, aber das war mir zu banal, führte überhaupt an dem vorbei, was mir wichtig war. Ich wollte nicht, das jemand denke würde, es ginge um einen Regentag. Also hat das Gedicht keinen Titel, nur eine Identifikation.

liebe Grüße,
Tom
:.:: http://gedichtblog.de ::.:
Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.
.[Das Gedicht ist das logische Bild des Gedichteten]
t.a.j.
 
Beiträge: 184
Registriert: 04.2008
Geschlecht: nicht angegeben

Beitrag#12von Gast » 6. Jun 2008 19:17

Hallo Tom (ich hoffe, ich darf dich so nennen?),

vielen Dank für deine schnelle Reaktion auf meinen Kommentar.

Damit hast du völlig recht. Zeichensetzung ist etwas, bei dem ich mich schon immer schwer getan habe. Die "offiziellen Regeln" (wer schreibt sowas eigentlich fest? Ist das auch der Duden?) gehen einfach völlig an meinem Gefühl, wie und für was ich vor allem Kommata einsetzen will vorbei.


Ich selbst bin auch nicht sonderlich sicher, was Zeichensetzung betrifft, habe es aber mal für Dich versucht:

Ein Regentropfen schlug heut an mein Fenster,
er sagte mir: "Die Welt ist alt und grau."
Schon kam ein anderer ihm nach, verwischend,
und kein Wort drang durch das Rauschen mehr zu mir.

Ich starrte in den Regen, mir war elend,
ich dachte mir: "Die Welt ist alt und grau."
Die Häuser rutschen langsam talwärts, kniend:
Sie beten ob des morschen Fundaments.

Die Formen geben langsam ihre Schärfe,
die Ängste langsam ihre Formen auf.
Das Regengrau ist wie ein Totentuch, bedeckend,
nur fahle Augen sehen noch hindurch.

Was draußen geht ist grell entmenschlicht:
(eventuell auch Komma oder Strichpunkt)
Vogelkrumme Silhouetten, Wasserflecken.
Auf frischgemalten Bildern, wie zufällig
Passanten geworden. Ich will schlafen -
der Regen hält mich wach.


Und ansonsten ist mir noch aufgefallen, dass dein "knieend" nur mit einem i, also "kniend" geschrieben wird.

Was die dritte Strophe angeht bedanke ich mich für die Erläuterung, aber vielleicht solltest Du es doch etwas abschwächen, mir persönlich würde es dann mehr zusagen. So rückt diese Strophe den Rest deines Textes in den Hintergrund und lässt ihn untergehen.

Liebe Grüße,
Lymielle
Gast
 

Vorherige

Zurück zu "Lyrik allgemein"



cron