Liebeszeit

Reime, freie Verse, "moderne" Lyrik (themenunspezifisch)

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 867

Liebeszeit

Beitrag#1von utensil » 14. Jan 2012 16:47

Liebeszeit

Des Feuers Mächte zeugen Schutt und Asche,
wenn nieder brennt, was nicht mehr flammenfest,
ein Wölkchen Staub umschwebt den Wesensrest,
den letzten Nippes steckt man in die Tasche.

Des Wassers Kräfte reißen ganze Orte,
wie Wölfe, nüchtern, manch Kaninchen weg,
doch Lebens Keime wurzeln an jedem Fleck,
der Riesenschlund gleicht einer weiten Pforte.

Des Windes Kräfte wischen Baum und Pflanzen
durch Straßen, so, als wär' es Schreibpapier,
welch Zweifel du auch schürst, ein Rest bleibt hier,
wenn Sturmes Feen Apokalypso tanzen.

Ein jähes Ende zwingt uns nicht zum Lügen,
und straucheln Beide, kann weiter nichts gedeih'n.
Auf dünnem Eisgrund bricht jeder Tänzer ein.
Den Grund und Boden gält' es neu zu pflügen.
Nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen.
utensil
 
Beiträge: 187
Registriert: 08.2011
Wohnort: Spreeathen
Geschlecht: weiblich

Re: Liebeszeit

Beitrag#2von Melusine » 14. Jan 2012 21:59

Inhaltlich ist mir das etwas zu pathetisch, aber das ist Geschmacksache. Die Metrik ist soweit okay, aber in drei Zeilen stimmt sie nicht:

doch Lebens Keime wurzeln an jedem Fleck,
(da hab ich keinen Vorschlag)

und straucheln Beide, kann weiter nichts gedeih'n.
Vorschlag (ich weiß, das ist nicht genial, aber es würde den Rhythmus reparieren):
und straucheln Beide', kann weiter nichts gedeih'n.

Auf dünnem Eisgrund bricht jeder Tänzer ein.
Eine Silbe weg, das ginge leicht:
Auf dünnem Eisgrund bricht jeder Tänzer ein.

(Rhythmisch würde auch "Auf dünnem Eisesgrund ... " passen, aber das passt nicht ins Metrum.)



Oh und ... erste Strophe - meinst du wirklich "Nippes" im Sinne einer penetrant piefkinesischer Aussprache von "Nippfigur"? Wenn ja, warum? Billige Löffel klauen, die aussehen, als wären sie aus Silber? Oder dachtest du vielleicht eher an "Nickel"?
Start where you are. Use what you have. Do what you can. ~ Arthur Ashe
Benutzeravatar
Melusine
 
Beiträge: 6791
Registriert: 11.2006
Wohnort: Wien
Geschlecht: weiblich

Re: Liebeszeit

Beitrag#3von utensil » 15. Jan 2012 16:34

Hi Melusine :)
Menno - vielen vielen Dank. Das war hier mal wieder so ein arbeitsaufwändiger Versuch zu reimen, anfangs sollte es sogar ein Sonett werden ;), echt, aber ... ich hab die Disziplin irgendwie nicht.
Jetzt hab ich mir Deinen Kommentar durchgelesen und die Stellen für mich noch mal überprüft, die Du herausgehoben hast, und ... ich lese immer wieder 11 Silben pro Zeile, und -büddenichhauen- mir eröffnet sich nicht, warum das metrisch nicht sauber ist (?). Lese ich es 'falsch', weil es von mir stammt und ich es mir zurechtlese? *schulterzuck*

Viele Grüße und vielen Dank nochmals für Dein Feedback und die Arbeit ....
U.
Nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen.
utensil
 
Beiträge: 187
Registriert: 08.2011
Wohnort: Spreeathen
Geschlecht: weiblich

Re: Liebeszeit

Beitrag#4von Melusine » 15. Jan 2012 18:32

Hm, ich hab mich übungshalber auch schon an Sonetten versucht, aber mir liegt die formale Einschränkung nicht. Jetzt weiß ich aber, warum mir das Reimschema so vertraut vorkam. ;)

Also ... ich hab jetzt das metrische Schema und Reimschema mal genau aufgeschrieben:

    xXxXxXxXxXx (a)
    xXxXxXxXxX (b)
    xXxXxXxXxX (b)
    xXxXxXxXxXx (a)

    xXxXxXxXxXx (c)
    xXxXxXxXxX (d)
    xXxXxXxxXxX (d)
    xXxXxXxXxXx (c)

    xXxXxXxXxXx (e)
    xXxXxXxXxX (f)
    xXxXxXxXxX (f)
    xXxXxXxXxXx (e)

    xXxXxXxXxXx (g)
    xXxXxxXxXxX (h)
    xXxXxXxxXxX (h)
    xXxXxXxXxXx (g)

Hab jetzt als Schrift Courier New genommen - so sieht man schön, wo es glatt ist und wo es holpert.

Strophe 1 und 3 sind perfekte Sonettform: jambische Fünfheber mit im Reimschema abba, wobei Zeile 1 und 4 mit weiblicher oder klingender Kadenz (Senkung bzw. unbetonte Silbe) enden und Zweile 2 und 3 mit männlicher oder stumpfer Kadenz (Hebung bzw. betonte Silbe). Daher haben die aufeinander reimenden Zeilen 1 und 4 je 11 Silben, Zeile 2 und 3, die ebenfalls aufeinander reimen, dagegen nur 10.

Die Strophen zwei und vier wollen offenbar demselben Schema folgen, aber es haben sich überzählige Silben (ich lese sie als Senkungen) eingeschlichen:

Strophe zwei, dritte Zeile:
xXxXxXxxXxX

Strophe vier, dritte und vierte Zeile:
xXxXxxXxXxX
xXxXxXxxXxX


Hebung/Senkung entspricht nicht ganz der deutschen Metrik, sondern ist aus der antiken Metrik entlehnt, aber das ist glaub ich nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass es nicht auf die Silbenzahl allein ankommt, sondern auch darauf, ob Silben betont sind oder unbetont.

Solche Hüpfer können durchaus reizvoll sein, Lothar Thiel hat das in seinem Wettbewerbsbeitrag "der planet der pferde" gezeigt, aber bei ihm sind die Hüpfer geplant und beabsichtigt (passend zum Thema des Gedichts). Ich fand sein Gedicht trotzdem zunächst irgendwie holprig, aber das lag tatsächlich nur an meiner Lesart. (Alles andere hätte mich auch gewundert, da ich Lothar schon eine Weile kenne und weiß, dass seine Gedichte immer metrisch perfekt sind.)

Bei dir sind die Hüpfer allerdings planlos. Wenn du das Reimschema absichtlich in Strophe 2 und 4 brechen willst, dann vielleicht so:


    Des Wassers Kräfte reißen ganze Orte,
    wie Wölfe, nüchtern, und manch Kaninchen weg,
    ("und" = als unbetonte Silbe eingefügt)
    doch Lebens Keime wurzeln an jedem Fleck,
    der Riesenschlund gleicht einer weiten Pforte.

So hätten wir dann dasselbe Schema wie in Strophe 4:

    xXxXxXxXxXx
    xXxXxxXxXxX
    xXxXxXxxXxX
    xXxXxXxXxXx

... überzeugt allerdings auch nicht so ganz, finde ich ... aber zumindest würde es regelmäßig und dadurch beabsichtigt wirken.


(Sorry wegen der Klugscheißerei ... ich hab ja glaub ich schon mal erwähnt, dass ich mir vor einiger Zeit ein Lehrbuch zur Gedichtinterpretation gekauft habe, wobei diese formalen Sachen mir zunächst mal am leichtesten fallen. :-))
Start where you are. Use what you have. Do what you can. ~ Arthur Ashe
Benutzeravatar
Melusine
 
Beiträge: 6791
Registriert: 11.2006
Wohnort: Wien
Geschlecht: weiblich

Re: Liebeszeit

Beitrag#5von utensil » 15. Jan 2012 19:48

Oooojehhh *räusperlach* - erst aber einmal wieder DANKESCHÖN, liebe Melusine, für diese Arbeit, die Du Dir machst.
Ich werde bei nächster Gelegenheit Deinen Kommi ausdrucken und das Gedicht dazu und mich dann damit beschäftigen (das krieg ich immer noch besser hin als am PC!), und dann mach ich mich an die Arbeit und ... vielleicht hast Du dann noch mal Lust, es anzusehen ... DANKE, DANKE!
VIele Grüße
U.
Nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen.
utensil
 
Beiträge: 187
Registriert: 08.2011
Wohnort: Spreeathen
Geschlecht: weiblich

Re: Liebeszeit

Beitrag#6von Melusine » 15. Jan 2012 19:59

Oh weh, ich hatte schon befürchtet, dass das jetzt etwas zu viel war ...
Hab übrigens vergessen zu erwähnen, dass jeweils ein kleines x für unbetonte Silbe und ein großes X für betonte Silbe steht. :)
(Finde ich übersichtlicher als die Schreibweise "u" für Senkung und "-" für Hebung.)
Start where you are. Use what you have. Do what you can. ~ Arthur Ashe
Benutzeravatar
Melusine
 
Beiträge: 6791
Registriert: 11.2006
Wohnort: Wien
Geschlecht: weiblich


Zurück zu "Lyrik allgemein"



cron