Was wir sind

Reime, freie Verse, "moderne" Lyrik (themenunspezifisch)

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 473

Was wir sind

Beitrag#1von Miriam » 26. Feb 2007 18:59

Wir sind Freunde
mit gutem Willen
wir reichen ein Glas Milch
oder eine warme Suppe
und räumen die Reste weg
mit knapper Geste
denn wir gaben uns Mühe

Doch wir sind freundlich
in unseren Spitzen
wir feilen an Formulierungen
und bleiben unverbindlich
im Schmerz des anderen

Wir sind nütze
für Viele und einander
wenn wir reden
auch noch im Weggehen
nicht über uns
aber über den Braten mittags
oder den Chef
können wir reden und sagen
was der andere nicht weiß

Wir sind nicht verloren
nur finden wir nichts mehr
keine blühende Iris
und keinen Sonnenaufgang
in den Augen des anderen
doch wir wundern uns nicht
weil wir nicht an Wunder glauben

Wir wissen was wir sind
sehr lange schon
und wenn wir es einmal vergessen
dann ist da ein Geruch
oder ein Bild
das uns mitten im Satz verstummen lässt
weil wir uns plötzlich erinnern

was wir früher einmal waren
Miriam
 

Beitrag#2von Dani » 16. Mär 2007 01:32

hallo miriam,
ich habe ein kleines problem mit dem verständnis der letzten strophe.
bis dahin lese ich es als eine kritik am menschlichen zusammenleben, an der kälte im umgang miteinander, der unfähigkeit, sich ganz auf den anderen und damit doch auch auf sich selbst einzulassen.
die letzte strophe klingt dann allerdings sehr versöhnlich, als sei klar, dass es, wenn es "um´s eingemachte geht" offensichtlich ist, menschlichkeit bedeutet und wie wir miteinander umgehen können. das kommt mir dann einfach so plötzlich, aber wahrscheinlich ist das absicht. oder bin ich, was den inhalt angeht, völlig auf dem holzweg mit meiner interpretation?
ansonsten gefällt mir das gedicht sehr gut. es sind ein paar tolle formulierungen darin.
lg, dani
Dani
 
Beiträge: 340
Registriert: 11.2006
Wohnort: Bielefeld
Geschlecht: nicht angegeben

Beitrag#3von Miriam » 17. Mär 2007 12:10

die letzte strophe klingt dann allerdings sehr versöhnlich, als sei klar, dass es, wenn es "um´s eingemachte geht" offensichtlich ist, menschlichkeit bedeutet und wie wir miteinander umgehen können. das kommt mir dann einfach so plötzlich, aber wahrscheinlich ist das absicht. oder bin ich, was den inhalt angeht, völlig auf dem holzweg mit meiner interpretation?
ansonsten gefällt mir das gedicht sehr gut. es sind ein paar tolle formulierungen darin.
lg, dani



Hallo Dani,

vielen Dank für deine Antwort.
Zur obigen Frage. Ich beschreibe hier die Demenz einer Beziehung. Wie so viele Vorgänge und Krankheiten ist auch diese in ihrem Fortschreiten schleichend.
Aber auch Demenzkranke haben manchmal einen guten Tag - Stunden oder Minuten, manchmal auch nur Augenblicke, an denen sie sich erinnern. Auf die Beziehung gemünzt, ist die letzte Strophe nicht versöhnlich, eher erschreckend. Man erinnert sich an das, was man früher einmal war. Und aus diesem Grund wird hier den Mitspielenden klar, was sie heute sind. Vielleicht ignoriert man es und verfällt wieder in den alten Zustand zurück und je häufiger man dies zulässt (im Gegensatz zu dem Demenzkranken hat man die Wahl) desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Rückblick irgendwann nicht mehr gelingen wird. Somit wird man sich nicht mehr selbst in Frage stellen und reflektieren können. Aber oft will man dies auch nicht.

Einen lieben Gruß
Miriam
Miriam
 


Zurück zu "Lyrik allgemein"



cron