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Reime, freie Verse, "moderne" Lyrik (themenunspezifisch)

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Beitrag#1von Antonia » 19. Okt 2008 21:41

Wenn du so dasitzt
zynisches Lächeln
und listige Augen,
die mich mit ins Boot holen,
kann es mir egal sein,
wenn der Rest der Welt
ertrinkt.
Erinnere dich
Als uns der Nebel einholte
vermisste ich nicht
die bunten Farben.
Ich konnte
mit geschlossenen Augen
den Regenbogen sehen.
Deine Worte, deine Taten
schlugen den Bogen
auf dem ich laufen konnte.

Am Ende war der Schatz vergraben
den wir uns holten.
Antonia
 

Beitrag#2von NDK » 20. Okt 2008 06:50

kann es mir egal sein,
wenn der Rest der Welt
ertrinkt.


... das Leiden in der Welt fängt oft in den Köpfen derer an, die sich außer für ihre eigenen Gefühle und Habseligkeiten für sonst nix interessieren ... ja, leider ist das wohl so.

Ein bemerkenswerter Text über den "Egoismus zu zweit", liebe Antonia.
Gern gelesen (den Text, nicht die Botschaft...).

Schöne Grüße, NDK
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Beitrag#3von Antonia » 20. Okt 2008 14:34

Eigentlich wird dieses Gefühl erst entstehen, wenn der Rest der Welt sich gegen einen stellt.

Egoismus der Welt gegen zwei Liebende, die lernen dies zu ertragen, weil sie sich ausklinken aus dem, was sie schwach macht.
Antonia
 

Beitrag#4von NDK » 20. Okt 2008 15:50

Antonia, ich beziehe mich hier ausschließlich auf das, was mir der Text sagt. OK? Hier noch einmal meine Interpretation etwas ausführlicher:
(Ob LyrI männlich oder weiblich sein könnte, lasse ich außen vor, weil ich mich nicht in Klischees verrennen will.)

Wenn du so dasitzt
zynisches Lächeln
und listige Augen,
die mich mit ins Boot holen,

Es ist also die Rede von einem letzten Endes erfolgreichen "Menschenfänger" (oder einer "Menschenfängerin").
"zynisches Lächeln" - assoziiere ich mit einem abfälligen Blick auf die übrige Menschenwelt.
"mit ins Boot holen" - bedeutet die Einladung an LyrI, dieselbe Blickrichtung wie LyrDu einzunehmen.

kann es mir egal sein,
wenn der Rest der Welt
ertrinkt.

LyrI nimmt die Einladung an. Der Preis dafür ist hoch: Die Menschenwelt wird ihm so egal, dass selbst das Ertrinken, also der Tod von Menschen nicht mehr mitfühlend wahrgenommen wird.
D.h. hier kapseln sich die beiden Protagonisten emotional nach außen hin völlig ab. Das ist das, was ich mit "Egoismus zu zweit" gemeint habe.

Dann folgt eine ausführliche Passage, die den Nutzen beschreibt, den LyrI aus der Verbindung zieht:

Erinnere dich
Als uns der Nebel einholte
vermisste ich nicht
die bunten Farben.
Ich konnte
mit geschlossenen Augen
den Regenbogen sehen.

... LyrDu wirkt als eine Art Prophylaxe gegen dunkle (=depressive?) Momente des LyrIs in äußerlich schweren Zeiten.

Deine Worte, deine Taten
schlugen den Bogen
auf dem ich laufen konnte.

... LyrDu gibt dem LyrI Halt und befähigt es damit, zu laufen (=leben?).

Am Ende war der Schatz vergraben
den wir uns holten.

Diese letzten Zeilen sind zu verklausuliert, als dass ich ein eindeutiges Bild dafür hätte.
Was mag sich hinter dem "Schatz" verbergen?
Warum wurde er vergraben? Wurde er versteckt?

Nun schreibst du in deinem Kommentar
Eigentlich wird dieses Gefühl erst entstehen, wenn der Rest der Welt sich gegen einen stellt.

Die Frage, die sich aus meiner Leseart ergibt: Hätte diese Verbindung überhaupt zustande kommen können, wenn nicht schon von vornherein das zynische LyrDu und später auch das emotional bedürftige und somit von LyrDu abhängige LyrI die Welt als feindlich erlebt hätten?

Wie gesagt, das ist nur meine Interpretation, eine von vielen möglichen.

Schöne Grüße, NDK
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Beitrag#5von Melusine » 20. Okt 2008 18:51

Ich glaube, der Schatz am Ende des Regenbogens ist eine altet Legende :).

Hätt's ca. so gelesen wie Antonia es erklärt. Zwei Liebende, die mit widrigen Umständen zu kämpfen haben - sei es, weil die Gesellschaft ihre Liebe nicht akzeptiert, sei es aus anderen Gründen. Für mich ist die Aussage: Die feindselige Welt kann uns den Buckel runterrutschen, wir haben ja UNS.
Frisch Verliebten ist die Welt sowieso grundsätzlich egal. Verliebtheit ist ein Zustand, der an Wahnsinn grenzt. Verliebte sind nicht voll zurechnungsfähig. Wer das ablehnt, darf sich eben nicht verlieben.
Und damit meine ich nicht das flüchtige Gefühl, bei dem man sich einbildet, "verliebt" zu sein, obwohl es nichts weiter ist als körperliche Anziehung und Lust auf Sex mit einem gutaussehenden Fremden, sondern den Beginn einer dauerhaften Liebesbeziehung, so wie ich es selbst erlebt habe, erleben durfte, ein einziges Mal in meinem Leben. Ich möchte dieses Gefühl nicht missen.
Klar, es dauert nicht an, kann es gar nicht, man kann schließlich nicht ewig auf Wolken wandeln. Trotzdem war es wunderbar, so lange es dauerte, und danach verwandelte es sich in etwas anderes, weniger Aufregendes, aber auch Schönes.


Die "listigen Augen, die mich mit ins Boot holen" lese ich als eine Art verschwörerisches Blinzeln: Du und ich, wir gehören zusammen, das kann uns keiner nehmen.

"Wenn der Rest der Welt ertrinkt" verstehe ich nicht so, dass alle anderen Menschen ertrinken, sondern dass es egal ist, ob die Welt rundherum untergeht. Man könnte evtl. auch sagen "wenn der Rest der Welt versinkt"... für mich kommt es jedenfalls so rüber.


:)

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Beitrag#6von NDK » 20. Okt 2008 19:26

Jetzt, wo du es sagst, Melusine.
Den möglichen Einfluss von Hormonen aufs Gehirn habe ich glatt unterschlagen.
Nach ca. 3 Jahren ist aber, glaube ich mal gelesen zu haben, der Hormonspiegel im Regelfall wieder im Normalbereich, womit dann auch die Verliebtheit nachlassen dürfte.

Meine Interpretation bezog sich auf eine eher langfristige Perspektive.
Dazu kommt noch, dass ich glaube, dass Beziehungen immer viele mögliche Perspektiven haben. Und: keine Beziehung ist wie die andere! Pauschalbetrachtungen sind oft wenig hilfreich. Es kommt immer darauf an, was man im Einzelfall daraus macht.
NDK
 
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Beitrag#7von Antonia » 23. Okt 2008 12:25

Es gibt eine Liebe, die unabhängig von Hormonen nie vergisst, warum sie etwas besonderes ist.
Das ist für jeden subjektiv; natürlich.

Und eine Liebeserklärung sollte man auch nie auseinander nehmen. :)
Antonia
 


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