Affenbaby

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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Affenbaby

Beitrag#1von Dani » 2. Dez 2006 14:29

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Eben trank ich Tee bei den Nachbarn. Ein Samstagmorgenritual,
meist barfüßig. Semra ist schwanger und konnte wegen vorzeitiger
Wehen in der letzten Woche nicht arbeiten, sie putzt bei Ikea.
Die Männer verzogen sich ins Wohnzimmer, während wir
die Problematik en detail durchgingen. Typisch, dass sie sich nur
für die Herstellung und das fertige Produkt interessieren. Sallah
hilft Said bei seinen Geschäften mit Gebrauchtwagen. Er fährt ohne
Führerschein. Diese Nacht vor dem Einschlafen hatten wir beide nur
die Autobahn vor Augen, sagten sie lachend. Es gab viel zu tun in den
letzten Tagen. In einem Dorf bei Rostock ging ihnen das Benzin aus.
Sie suchten eine Kneipe und fanden noch Licht, ganz am Ende der
Dorfstraße. Ihr Gruß wurde nicht erwidert; wie Aliens standen sie
im trüben Licht der Wirtschaft. Keine Antwort auf das höfliche
‚Guten Abend’. Man hatte dort wohl noch nie einen schwarzen Mann
gesehen, geschweige denn zwei, die die Anwesenden um Haupteslänge
überragten. Gibt es hier in der Nähe eine Tankstelle?, fragten sie,
etwas lauter jetzt. Verbissenes Schweigen. Einige starrten krampfhaft
in ihre Biergläser. Wir sprechen nicht mit Affen, sagte einer.
Nachdrücklich. Sie lachten, als sie mir davon erzählten und schmückten
die Geschichte aus, wie sie schließlich eine Tanke fanden und auf dem
Rückweg in Schlangenlinien über die leere Bahn fuhren. Semra schwieg.
Jetzt sind sie auf dem Weg nach Bonn. Ein Auto muss von dort nach
Kiel gefahren werden. Ich wünschte Glück und eine gute Fahrt.
Seid vorsichtig, hätte ich gern gesagt. Aber sie können ja bloß sein, was
sie sind. Später werde ich Semra Kuchen bringen. Wir wollen den Hinterhof
nächstes Frühjahr ein bisschen aufmöbeln, damit der Kleine dort spielen
kann. Die Welt dreht sich zum Glück weiter. In Rostock vielleicht auch.
Zuletzt geändert von Dani am 5. Dez 2006 20:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag#2von Gast » 2. Dez 2006 16:18

Hallo Dani,


gut be-schrie--ben diese Geschichte.

Doch ich gestehe ich mag diesen Titel nicht .. auch wenn er mit Humor gemeint ist..


ich habe ebenso Rasissmus immer wieder erlebt und daher auch dann schon kurz vor der Einschulung meiner Großen ganz bewusst 93 diesem Rasse-Land den Rücke-n gekehrt ..
auch für meine Kinder die sollen Welt-Offen auf-wach-sen ..

der Freund meiner Tochter ist Thai.. er sagte nur Solingen Ohlig... im übrigen findet er

Deinen Titel Affenbaby .. auch eher misslungen den Text

dagengen sehr gut..b-g-eschrieben

Es gibt nämlich kein "Affenbaby" unter den Homosapiens ..aber zu viel von Homo-er-r-ec-hts-s-tus-s
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Beitrag#3von rosste » 2. Dez 2006 16:36

hallo dany,
Wir sprechen nicht mit Affen, sagte einer.
Nachdrücklich. Sie lachten, als sie mir davon erzählten und schmückten
die Geschichte aus,

dieses lachen hast du sehr gut in der überschrift "Affenbaby" untergebracht.
das ist gesunder humor.
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Beitrag#4von Gast » 2. Dez 2006 16:46

ich sehe es dann eher aus der Perspektive einer Mutter ..

mich kann man zum Spass so nennen ich lache mit aber mein

Ungeborenes eher nicht.. komisch vielleicht ?? ist aber so !!

das ist aber m-eine Emotion dazu.. nichts weiter
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Beitrag#5von Dani » 2. Dez 2006 23:39

Hi rosste und casy,
danke für eure Kommentare.
Ich meine den Titel schon humorvoll, einerseits. Und ich meine ihn auch ernst, andererseits. Man kann ein süßes kleines Kind ruhig Affenbaby nennen. Mal ehrlich, Schimpansenbabies oder auch die Kleinen der Gorillas sind wirklich süß. Ich habe meine Schwestern auch schon so genannt. In diesem Text soll das Wort allerdings auch provozieren. Ich hatte den Text fertig und der Titel fand automatisch dazu. Er sollte eigentlich genau die gemischten Reaktionen hervorrufen, die ihr beschrieben habt.
Rassismus ist natürlich eine ernste Sache. Aber er lähmt viele Menschen glücklicherweise nicht so, wie man oft denkt. Vielleicht dachte Semra im Stillen dieses "Affenbaby". Als werdende Mutter ist sie vermutlich sensibler und denkt an die Sicherheit ihres Kindes. Oder sie fragt sich auch, wie casy andeutet, ob sie ihr Kind hier aufwachsen lassen will. Da sie deutsche Staatsbürgerin ist, liegt das allerdings nah. Ich weiß auch nicht, ob es wirklich ein paradiesisches Land gibt, in dem keine Gruppe benachteiligt wird. Im Gegenteil meine ich manchmal, dass es in Deutschland noch verhältnismäßig harmlos zugeht.
Ich glaube außerdem, die Jungs (mein Nachbar und sein Kumpel) sind so von sich überzeugt, dass sie sich von diesen komischen Nazis im Osten kein kleines Stückchen ihres Selbstbewusstseins nehmen lassen. (Ach so, die Geschichte entspricht rein inhaltlich schon den Tatsachen. Ein bisschen habe ich ausgeschmückt und die Namen geändert, ansonsten real life.) Und das finde ich gut. Dennoch gehören solche Geschichten erzählt, meine ich. Es gibt immer etwas, das verbessert werden kann. Die politische Gesinnung in einigen Teilen Ostdeutschlands gehört mit Sicherheit dazu.

@casy: "Mich kann man zum Spaß so nennen", sagst du. Ich glaube nicht, dass dieser Typ bei Rostock das spaßig gemeint hat. Wenn ja, dann hat er einen seltsamen Sinn für Humor.

LG, Dani

edit: Danke an rosste, der mich darauf hingewiesen hat, dass es nicht "komische Nazis im Osten" heißen sollte, sondern eher "komische Nazis bei Rostock".
Zuletzt geändert von Dani am 3. Dez 2006 15:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag#6von Gast » 3. Dez 2006 00:58

casy: "Mich kann man zum Spaß so nennen", sagst du. Ich glaube nicht, dass dieser Typ bei Rostock das spaßig gemeint hat. Wenn ja, dann hat er einen seltsamen Sinn für Humor.

???

ich meinte das Affenbaby....also Deinen Titel..

ja ja Sprache sie ist und bleibt abstrakt sogar unter uns hier ;) .. ohne Ton .. erstrecht..

Dani
:mrgreen: :!:

Lg Casy
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Beitrag#7von brigitte.m » 3. Dez 2006 13:22

ich finde den titel schon ok. er passt dazu, was gesagt wird. damit wird keiner verunglimpft.

ich denke rostock und auch cottbus sind nicht rassitischer als jeder ort in deutschland.
ostdeutschland ist nicht rassisticher, als der rest deutschland.

ja ich denke auch es gibt länder, da ist der rassismus verbreiteter, als in deutschland.

deutschland steht durch seine geschichte, aber eben gerade da viel mehr im focus.

für mich ist jeder rassistische übergriff egal wo - einer zuviel.

lg brigitte
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Beitrag#8von Dani » 3. Dez 2006 14:35

Hallo casy und brigitte,

casy, du hast recht. Sprache bleibt Auslegungssache. Wenn ich den Titel laut lesen müsste, wäre ich mir gar nicht sicher, wie ich das tun würde. Verächtlich? Liebevoll? Möglichst neutral? Keine Ahnung, am liebsten wären mir mehrere Versionen.

brigitte, ich denke schon, dass Rassismus in Ostdeutschland verbreiteter ist als in anderen Bundesländern. Hier in Bielefeld, bspw., könnte sich das niemand erlauben, Leute mit anderer Hautfarbe auf der Straße anzustarren oder so. Man käme gar nicht nach mit dem Starren und Verunglimpfen. Hier hat nahezu jede/r zweite einen Migrationshintergrund. Das ist in den östlichen Bundesländern meines Wissens nach nicht der Fall. Je "normaler", alltäglicher das "Fremde" ist, desto weniger fremd ist es. Ich hörte aber auch von einem bekannten Jamaikaner, der Angst hatte nach Leipzig zu gehen (er wollte zu seiner Freundin ziehen), dass es dort gar nicht so schlimm sei, wie in Cottbus, wo er ebenfalls mal eine Zeit gelebt hat.
Ich will das nicht über einen Kamm scheren, sondern wäge einfach nur Erfahrungsberichte von Freunden und Bekannten ab. Davon mal abgesehen sprechen aber auch Kriminalitätsstatistiken ihre eigene Sprache. Und die sagen ebenfalls: Rassistisch motivierte Delikte finden in den sog. neuen Bundesländern signifikant häufiger statt, obwohl der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Bevölkerung geringer ist als in den sog. alten Bundesländern.

LG, Dani
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Beitrag#9von brigitte.m » 3. Dez 2006 14:45

aus der geschilderten sicht, weiß nicht.

ich bin mit einer russin befreundet, die lebte über 20 jahre in der DDR - als die wende kam - sagte sie zu - jetzt fühle ich mich als fremde.

sie hatte bis dahin die russische staatsbürgerschaft - ohne probleme, war mit einem deutschen verheiratet und arbeitete als tierärztin. - sie hat dann schnell die deutsche staatsbürgerschaft beantragt, um keine probleme wegen arbeitserlaubnis und soweiter zu bekommen.

lg brigitte
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Beitrag#10von rosste » 3. Dez 2006 14:47

genau, rassisten gibts sowohl in ost- als auch in westdeutschland.
dass die geschichte konkret bei rostock handelt, ist schon ok. - so war es halt.
die geschichte ist gut geschrieben. da ist nur eine ungenauigkeit in deinem kommentar, dani:
dass sie sich von diesen komischen Nazis im Osten...
- dass sie sich von diesen komischen Nazis bei rostock... hättest du schreiben sollen.
"im osten" kan missverstanden werden - z.b. "die nazis im westen sagen sowas nicht" oder "die nazis gibts hauptsächlich im osten".
diese komischen Nazis im Osten - ist eine unglückliche, ungenaue formulierung, weil der "osten" auf eine unfaire weise charakterisiert wird.
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