Andromeda

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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Andromeda

Beitrag#1von t.a.j. » 12. Mai 2008 16:23

Schönheit in Ketten
das Meer erbebt,
die Brandung schäumt
wie aufgeschlagener Samen,
dem keine Venus entsteigt.

Er naht: Ein Schatten
sie zittert
als hätte sie Angst:
Ihr Apfelbusen erschaudert,
perlige Gänsehaut
bedeckt ihre schlanken Beine.

Mit ihren feinen Fingern malt
sie ein Zeichen
wie ein S.O.S. an den Himmel
die Linien sind ebenmäßig
und sauber, nicht ausgefranst,
ohne deshalb weniger aufregend
zu sein.

Ihre Lippen formen ein perfektes Oval,
rot und vielversprechend
wie ein Abbild ihrer
versteckten Scham,
als sie zu singen beginnt.
Ihren Ketten entlockt sie rostige Tränen,
zu ihren Füßen ruht der Wind.

Er naht: Ein Grollen
ihr Lied
verstummt.
Der Wind erhebt sich, ihr Haar
fällt als schwarzer Sternenregen
über Schultern, deren lockendem Verlauf
Rosenranken folgen.

Mit leichtfüßiger Stärke wirft sie sich
gegen die rostigen Ketten:
Da bellt ein Knirschen von den Klippen
und ihr linker Arm kommt frei.
Sofort verdeckt sie ihre Brust.

Unter ihrem Ellenbogen lugt,
wie ein Mädchen,
das furchtsam um die Ecke blickt,
ein lippendurstiges rosa Hügelchen,
als lüde es zum Kosten ein.

Er kommt: Turmhoch und gelb
ein Eiterding von menschlicher Gestalt
Ein tiefes Wesen,
das die sonnenhellen Wogen
unter sich begraben hatten.

Aus nassen Tiefen erhebt sich tropfend
ein algenbehaartes Gesicht,
als hätten glühende Kohlen zwei Augen
in den Rücken eines verwesten Titanen
gebrannt.

Lüstern reckt sich durch der Brandung Schaum
sein verkrustetes Geschlecht
wie ein pulsierendes Tentakel,
auf dessen haifischhautiger Oberfläche
sich, an Luft erstickende Meerestiere,
in tiefen Furchen, verfangen haben.

Aus Poseidons Rachen hat er einen
feuchten Duft herauf gebracht
und ekelbitter hebt sie ihren Kopf,
die pumpenden Adern ihres Hals
offenlegend und bricht Galle
auf die sonnenlieben Steine.

Da tönts wie tausend Engel
und heldenhaft springt herbei Perseus,
der mordet das Untier und sie
bleibt gebunden zurück.
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Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.
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Beitrag#2von Melusine » 16. Mai 2008 14:11

Hallo Tom,

da ist dir mal wieder ein beeindruckendes Gedicht gelungen! Sinnlich, lebendig, dramatisch, bildhaft - und du findest wunderbar poetische Sprachbilder.

Mist, an positiven Anmerkungen fällt mir immer viel zu wenig ein, kritisieren ist leichter :).

Als Inspiration vermute ich klassische Darstellungen der Andromeda am Felsen, das Ungeheuer wirkt "lovecraftisch". Hab übrigens kurz mal nachgelesen, ich kannte den mythologischen Hintergrund nicht - was aber durchaus nicht stört. Gerade das gefällt mir: Dein Text spricht auch ohne Hintergrundwissen an, weil er sich nicht in Anspielungen ergeht, sondern eine Geschichte erzählt, die für sich stehen kann.

Interessant finde ich den Schluss. Erst hat er mich überrascht, weil ich in Kenntnis des üblichen Ausgangs mythologischer Geschichten dachte: Häh? Normalerweise müsste Perseus sie ja befreien und ... bingo: Sie muss ihn natürlich dann heiraten. Arme Andromeda. Vom Regen in die Traufe gekommen ...
(Weiß natürlich nicht, ob du es so gemeint hast, aber es ist jedenfalls eine mögliche Interpretation.)

Gefällt mir jedenfalls ausnehmend gut!
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Beitrag#3von t.a.j. » 16. Mai 2008 20:11

Hallo Mel,

danke für deinen Kommentar :)
Meine Intention mit dem Ende war eher, dass Perseus sich gar nicht für Andromeda interessiert, er will nur der Held sein und das Monster töten. Auch sollte sein kurzes, unvermitteltes Auftauchen am Ende ihn fehl am Platze wirken lassen. Die eigentliche Geschichte scheint ohne ihn auszukommen, er ist ein notwendiges Übel, schließt alles abrupt ab, ohne dass sich irgendetwas erfüllt hätte. Hm, vielleicht sollte ich die tausend Engel weg lassen um das Ende sprachlich prosaischer zu gestalten.
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Beitrag#4von Melusine » 16. Mai 2008 21:55

Ha! Jetzt seh ich's: Perseus ist der Vorgänger aller fahrenden Ritter und überzeugter Polygamist. Gefragt warum, würde er sagen: Verdammt, was soll ich denn machen, immer wenn ich ein Ungeheuer töte, muss ich die dazugehörige Prinzessin heiraten. Das kann einen Mann in den Wahnsinn treiben!

(Und ja, eigentlich sah ich die Erotik auch mehr zwischen Andromeda und dem Ungeheuer. Jedenfalls in deiner Darstellung.)
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Beitrag#5von Ich bin zwei Öltanks » 29. Mai 2008 16:19

Und ja, eigentlich sah ich die Erotik auch mehr zwischen Andromeda und dem Ungeheuer


Anregungen an die Pornoindustire, da wird Mel nie müde mit. 8)

Perseus is doof, Hercules hatte viel mehr Muskeln und sah seinem Vater auch ähnlicher.
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Beitrag#6von t.a.j. » 30. Mai 2008 02:54

Melusine hat geschrieben:(Und ja, eigentlich sah ich die Erotik auch mehr zwischen Andromeda und dem Ungeheuer. Jedenfalls in deiner Darstellung.)


Das war der Plan. amders als Persues ist das Ungeheuer tatsächlich and Andromeda interessiert.
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Beitrag#7von Melusine » 30. Mai 2008 13:55

Hm.

Gerade kommt mir was: Dir wär's wohl lieber, das Ungeheuer hätte Andromeda gekriegt? Perversling ;).


@ Öltanks: Was kann ich dafür, dass die griechische Mythologie voller Sex & Crime steckt? Und dass t.a.j. pervers ist? :eusa_snooty:
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Beitrag#8von t.a.j. » 30. Mai 2008 14:21

Das ist purer Egoismus, ich ähnle halt dem Ungeheuer mehr als Perseus ;)
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