Atemlos

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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Atemlos

Beitrag#1von nachtlichter » 15. Jun 2007 12:29

Unbarmherzig
sticht die Sonne vom benebelten Himmel
die Luft über den Straßen flirrt vor Hitze
die den Atem lähmt
Asphalt schmilzt, klebt an den Schuhen
Kein Windhauch regt sich
Menschen bewegen sich in Zeitlupe,
alle verlieren Flüssigkeit, manche die Besinnung
Blut stockt in den Adern
Rettungswagen sammeln kollabierte Kreisläufe ein
und im Schatten drängen sich die gaffenden Massen

Die milchigen Schleier sind zu dunkelgrauen Wolken geworden
Unaufhaltsam nähern sich tiefschwarze Fronten
schwefelgelbes Zwielicht wirft unheimliche Schatten
Schwüle dämpft den Puls der Stadt
und die Vögel sind verstummt

Jäh kommt heißer Wind auf,
wirbelt Staub und trockene Blätter durch die Straßen,
Dämmerung senkt sich über die Stadt
Spannungsgeladene Stille –
die Zeiger der Bahnhofsuhr geraten ins Stocken
dann bleibt die Zeit endgültig stehen
Die Stadt hält den Atem an,
ihre Häuser ducken sich
und es riecht nach Angst

Ein greller Blitz zerfetzt den schwarzen Himmel
der Knall ist ohrenbetäubend
von allen Seiten steht die Stadt unter Beschuss
weiße Mündungsfeuer erhellen für Sekundenbruchteile
bleiche Gesichter
Eisgranaten schlagen ein
infernalischer Kanonendonner lässt Wände wackeln
Blitze enthaupten Bäume
und der Sturm deckt Dächer ab
während Wolkenbrüche Keller fluten
heiße und kalte Fronten ringen stundenlang
erbittert miteinander
um das Niemandsland
bis sie sich nach und nach einigen,
den Rückzug antreten,
und die Nacht den Frieden besiegelt.

Ich atme auf.
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Gewitterstimmung....

Beitrag#2von Minouche » 6. Jul 2007 22:00

Liebe nachtlichter.

Schön fängst du die Stimmung ein, vor nach und während der Entladung eines Gewitters.

Die Spannung, die Kriegsstimmung (habe ich für mich so empfunden) Entladung von Energie und das Aufatmen zuletzt.

Bei manchen lyrischen Prosatexten schwanke ich. Das, was du dort
beschreibst, eignet sich meines Erachtens hervorragend für eine
Geschichte, in die du Figuren mit einarbeiten könntest.

Für ein Gedicht, auch für ein Prosa-Gedicht, würde ich mir mehr
"Verdichtung" wünschen.

Ich weiß, wie schwer es ist, Vorschläge zu überdenken, wenn man
einen Text "fertiggedacht" hat.
Ich hätte da ein Beispiel, ein kleines, zu einem Gedicht:

"Unbarmherzig stechend
die Sonne vom benebelten Himmel
die flirrende Luft über den Straßen
lähmt den Atem"

Hmm....sowas mache ich garnicht gern....
Es ist nur eine Idee.
Aber es ist immer dein Text.
Und der ist gut.

Liebe Grüße,
Minouche (die Angst vor Gewitter hat...)
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Beitrag#3von Melusine » 6. Jul 2007 22:30

Hallo Minouche, ich mag deine sensible Art der Textarbeit. Was immer nachtlichter davon mitnimmt: Sie kann es pflücken oder stehen lassen, auf dass es weiterblühe.

Mel
(die gerade müde aus einem sinnlosen literarischen Krieg heimkommt :'()
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Beitrag#4von nachtlichter » 6. Jul 2007 22:50

Hallo Minouche,

mit einer derart konstruktiven und wie Mel richtig sagt sensiblen Textarbeit kann ich etwas anfangen
Ich werde in Ruhe darüber nachdenken.
Du hast recht - es ist eher eine Geschichte, die ich erzähle.
Ein Gedicht müßte dichter sein.
So ist das Ganze etwas dazwischen, nicht genau zu definieren - Kurzprosa vielleicht.

Ich habe auch tierische Angst vor Gewittern, darum kam es letztes Jahr zu diesem Werk.
Mein Hund ist ein noch größerer Schisser als ich, er hatte sich schon längst ins fensterlose Bad
verzogen, als ich noch mit der Taschenlampe auf dem Balkon saß, um Blitze abzuwehren...


Hallo Mel,

sinnlose Kriege sind überflüssig, sie kosten nur Kraft und Nerven.
Dennoch drückst Du Dich sehr lyrisch, ja fast schon blumig aus :-)
Ich weiß noch nicht so genau, was ich mit der geschenkten Blume anfangen werde,
auf jeden Fall werde ich das Pflänzchen achten.

Liebe Grüße an Euch beide,

nachtlichter
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Beitrag#5von Minouche » 7. Jul 2007 01:19

mir wurde mal nachgesagt, zu prosaisch zu sein.

Dies ist das erste Mal, wo ich das gut finde.
Und bau den Hund mit ein.

Liebe Grüße
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Re: Atemlos

Beitrag#6von Melusine » 10. Aug 2011 17:09

Mal hochschubsen als Beitrag zum Thema "Wir schreiben uns einen Sommer". :-)
Gewitter hatten wir zwar dieses Jahr auch schon, aber so eins noch nicht. So richtig mit Schwüle und elektrizitätsgeladener Luft und so.

Übrigens: Ich mag Gewitter! Mein Hund leider ganz und gar nicht ... daher kann ich sie auch nicht genießen. Meine Wohnung hat rundum Fenster, er kann sich also nirgendwo verkriechen, der Ärmste. Bei schlimmem Gewitter rennt er aufgeregt kläffend durch die ganze Wohnung.

Wobei "schlimmes Gewitter" relativ ist. In Wien gibt's sowas eigentlich gar nicht.
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Re: Atemlos

Beitrag#7von NDK » 10. Aug 2011 19:53

Sehr schön! :typo_045:
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