Das Ding, das dir beim Lachen auf die Zähne starrt

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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Das Ding, das dir beim Lachen auf die Zähne starrt

Beitrag#1von Johannes » 5. Dez 2006 19:35

Die Wärter sagen,
die Mittwoche
sind die gefährlichen
vor allem
wenn es regnet

Dann starrt es stundenlang
ganz ruhig ist es
und zeichnet mit der Fingerspitze
Regenspurenflüsse nach

Die Wärter sagen,
nach dem Mittwoch
kann eigentlich
nichts mehr passieren,
man kann sein Gesicht ganz
nah zum Trennglas führen und
es lässt sich problemlos ernähren

Die Wärter sagen,
es blinzelt nie, aber
manchmal spricht es sogar,
unzusammenhängendes Zeug
voll willkürlicher Paradoxie

Es sagt dann zum Beispiel:
"Zurück zu den Wurzeln
ist nach vorn in die Zukunft"

oder

"Keine Armee ist so unbesiegbar
wie der Mann, der dir um 6:45 in der Früh
seine Semmeln verkauft"

Es ist unheimlich, es gibt keine Akten,
manche behaupten, es
war schon vor den Mauern da,
die Mauern wurden quasi
um es herum gebaut.

Das ist natürlich Blödsinn,
aber es will schon keiner
mehr runter.

Der letzte Anfall
war der Schlimmste,
wir haben 11 Bettlaken verloren
drei Marmeladengläser
eine Bibel
und den Kienesberger Batzi.

Jetzt checkt die gesamte Belegschaft
vor Dienstbeginn immer
die Wetterprognose.

Die Wärter sagen,
du musst das trennen können.

Sicher, der Schurli hat sich
eine Funklizenz besorgt und
verdient sich mit einer
Telefonsexhotline deppert und
der Kienesberger Batzi
hackelt jetzt mit seiner Alten
zwei Monate im Jahr in seiner Firma
und die anderen zehn lebt er in Indien
weils da so billig ist

Aber wenn du eine Familie
erhalten musst
bist du halt froh über jeden Job
und dass du wenigstens einen hast
und damit das so bleibt
nimmt man einen wie diesen
eben nicht mit nach Hause,
sonst kann man´s
gleich vergessen.
Johannes
 

Beitrag#2von brigitte.m » 5. Dez 2006 20:32

ja, man sollte es nicht mit nachhause nehmen. - wurde uns in der ausbildung immer gesagt.

mir gelingt es meist. - aber es gibt situationen da reicht der nachhause weg nicht, um abzuschalten.

was ich merke, wenn ich nach einer woche im zug sitze und 150 km fahre, wie ich mich löse und umgekehrt, wenn ich richtung arbeitsstätte fahre - je näher ich komme, je näher sind mir dann auch wieder die heimbewohner.

gefährlich wird es, wenn es einen gar nicht mehr los läßt. -

lg brigitte
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Beitrag#3von Dani » 6. Dez 2006 17:39

Hallo Johannes,
es wird dich vielleicht nicht wundern, dass ich als Leserin mich frage: Was ist es?

Meine Vorstellung ist momentan, dass es sich irgendwie um "Weisheit" oder "Geduld" "oder "Erkenntnis" handelt bei diesem es. Die Menschen arbeiten in einem ganz normalen Betrieb, gehen einer stumpfsinnigen Tätigkeit nach (einer fragmenthaften Arbeit). Denn diese "Anfälle" birgen doch eigentlich keinerlei Gefahr im Sinne eines physischen Angriffs. Sie gehen tiefer (das mit den Marmeladengläsern bleibt mir noch schleierhaft). Und plötzlich wird jemand davon mitgerissen. Den (ich muss das nachschlagen) "Kienesberger Batzi" hat es erwischt. Er hält sich darum in Indien auf.

Na ja, für mich ist diese Interpretation stimmig. Und in dem Zusammenhang auch diesen Zeilen toll:
Es ist unheimlich, es gibt keine Akten,
manche behaupten, es
war schon vor den Mauern da,
die Mauern wurden quasi
um es herum gebaut.


Hm, so viel erst mal. Ich werde noch mal darüber nachdenken müssen. Spannend und ein bisschen verrückt erscheint es mir. Gleichzeitig wie ein "Befreiungsversprechen".

LG, Dani
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Beitrag#4von brigitte.m » 6. Dez 2006 20:25

die diakonie - hatte dieses jahr ein thema - "Wenn Krankheit Mauern baut." ua. wurde auch am Tag der offenen Tür - gemeinsam mit der pastorin und bevölkerung des dorfes dies thema aufgegriffen.
unser haus entstand gegen den widerstand der bevölkerung im dorf, weil es eben ein heim für psychisch kranke und dann auch noch alkoholiker sein sollte. das heim besteht jetzt wohl knapp 10 jahre ohne das die befürchtungen der kritiker eintrafen. aber es hat lange gedauert, bis die bevölkerung, das heim annahm und in die aktivitäten des dorfes eingebunden hat.

mauern können eben wirklich um etwas - hier heim - oder personen aufgebaut werden - so fasse ich Johannes text auf.

lg brigitte

ps.: auch anderssein kann das gleiche bewirken - mauern
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