Freund Hein

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 949

Freund Hein

Beitrag#1von nachtlichter » 21. Feb 2007 00:22

Dein Wille, nicht aufzugeben ist so viel stärker
als der kleine Hauch Leben, der noch in dir ist.
Ein langer, viel zu dürrer Kerl,
55 Jahre alt.
Haut und Knochen überall;
keine Knautschzone schützt dich mehr.
Ein fahles Gesicht mit eingefallenen Wangen
unter lebendigen Augen.

Du spottest nach wie vor
über das bürokratische Gehabe der kranken Kassen
die einen Todgeweihten in die Reha schicken wollen,
um ihn so schnell wie möglich ins Arbeitsleben zu integrieren -
vielleicht als klapperndes Skelett in den Biologieunterricht?

Dein unaufhaltsamer Verfall
der jetzt so offensichtlich ist
trifft mich tief.
Ein dicker Kloß, der meinen Hals verstopft,
macht es mir so unsagbar schwer,
unbefangen mit dir zu reden und
über deinen Zynismus zu lachen.

Du wirkst fast so,
als ob du dich für deinen Anblick entschuldigen möchtest.
Ich werde dir morgen mein herzliches Lächeln mit auf den Weg geben
und dir im Stillen einen behutsamen, sanften Abschied wünschen -
falls du morgen noch da bist.


nachtlichter
20. Feb. 2007



[Dieser Patient heißt wirklich so. Er kam heute zu mir ins Office unserer Onkologischen Ambulanz, weil er den misstrauischen Krankenkassen sei Dank "Bescheinigungen" benötigt. Die Bürokratie stirbt zuletzt.]
Auch Motten schmettern links ^^
Benutzeravatar
nachtlichter
 
Beiträge: 746
Registriert: 11.2006
Wohnort: Frankfurt am Main
Geschlecht: weiblich

Beitrag#2von Saurau » 21. Feb 2007 00:48

"vielleicht als klapperndes Skelett in den Biologieunterricht? "

unterstreicht fett den verbliebenen zynismus! viel zu schön, dein gedicht, nachtlichter, um nur traurig zu sein. und viel zu traurig.

wirkt sehr natürlich und trotzdem kunstfertig! gefällt mir!

lg daniel
Saurau
 

Beitrag#3von Melusine » 21. Feb 2007 01:34

Hallo nachtlicher,
das ist so schlicht erzählt, dass es wirklich tief trifft. Dabei die Zeilenumbrüche mit Bedacht gesetzt. Ich verstehe zwar nichts davon aber... mir kommt es so vor, als wäre das wirklich ein sehr gelungenes Prosagedicht.

LG Mel
Start where you are. Use what you have. Do what you can. ~ Arthur Ashe
Benutzeravatar
Melusine
 
Beiträge: 6791
Registriert: 11.2006
Wohnort: Wien
Geschlecht: weiblich

Beitrag#4von Gast » 21. Feb 2007 07:56

macht betroffen und wütend über die geschilderten :!: tatsachen - ein mitfühlender text, gerne gelesen :)
Gast
 

Beitrag#5von nachtlichter » 21. Feb 2007 10:33

Hallo Ihr beiden Österreicher, hallo Michy,

herzlichen Dank für Eure lieben Kommentare und das Lob.

Ich versuche hier in der kranken Anstalt, das ganze Elend nicht zu nah an mich ranzulassen – aber in diesem Fall versagt diese Schutzfunktion. Herr Hein war gerade da und hat seine Atteste abgeholt -einerseits freut es mich, dass er noch herumlaufen kann, andererseits tut es weh, zuzusehen, wie sehr er sich quält.

Wütend bin ich hier sehr oft, Michy - da kommen Anfragen von kranken Kassen, die wissen wollen, ob diese oder jene Behandlung bei einem unserer Pat. wirklich notwendig war und ob das Ganze nicht genauso gut hätte ambulant passieren können - der Betroffene ist in vielen Fällen inzwischen verstorben, so dass sein sozial verträgliches vorzeitiges Ableben somit schon längst die Kosten dämpft.

Schlimm ist das, menschenverachtend.

Lieben Gruß

nachtlichter
Auch Motten schmettern links ^^
Benutzeravatar
nachtlichter
 
Beiträge: 746
Registriert: 11.2006
Wohnort: Frankfurt am Main
Geschlecht: weiblich

Beitrag#6von Burana » 21. Feb 2007 12:10

Hallo Nachtlichter!
Da kann man/frau wirklich nur kopfschüttelnd darüber nachdenken, ob man bei den Verwantwortlichen beim Programmieren einen Fehler gemacht hat. Oder sollten tatsächlich Menschen dahinter stecken? DAS würde mein Weltbild allerdings völlig aus dem Rahmen wuchten!
Abgesehen von den Emotionen, die Dein Text bei mir ausgelöst hat: das hast Du sehr gut geschrieben.
Liebe Grüße, Burana
Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist - und hinterlasse eine Spur. Jean Paul
Benutzeravatar
Burana
 
Beiträge: 96
Registriert: 11.2006
Geschlecht: nicht angegeben

Beitrag#7von nachtlichter » 21. Feb 2007 13:03

Hallo Burana,

Dankeschön für Dein Lob.

Lieben Gruß,

nachtlichter
Auch Motten schmettern links ^^
Benutzeravatar
nachtlichter
 
Beiträge: 746
Registriert: 11.2006
Wohnort: Frankfurt am Main
Geschlecht: weiblich

Hallo nachtlichter....

Beitrag#8von Minouche » 9. Jul 2007 02:51

so....und nun bin ich zu diesem Text gekommen.


Was für ein Text!

Ich muss sagen, bei allem Mitgefühl, gefällt mir am besten die Knautschzone.

Ehrlich.

Wie viele von uns haben sowas?

Und was bleibt ohne übrig?

Nachdenklich, und wieder lesend,
liebe Grüße
Minouche
If no one's right and no one's wrong
In between this we are learning much about evil

(Lisa Germano, My secret reason)
Minouche
 
Beiträge: 221
Registriert: 06.2007
Wohnort: Bielefeld
Geschlecht: nicht angegeben

Beitrag#9von brigitte.m » 9. Jul 2007 16:07

ja das gedicht ist gut, geht unter die haut und leider, leider kein einzelfall.
ja bei dieser krankheit haben wir uns schon lange abgewöhnt zumutmaßen, wann schuß ist. wir haben zur zeit heimbewohner, im songenanntenendstatum. wir kämpfen sooo oft schon darum, dass eine vernünftige schmerzbehandlung eingeleitet wird. hier geht es darum, nicht abzuschießen, heißt so voll zustoffen, dass sie nichts mehr mitbekommen, sondern das sie noch soweit wiemöglich am leben teilnehmen können und nicht unter schmerzen leiden. es wird viel von schmerztherapie geredetN aber bei der durchsetzung ....kosten. - das ist ein punkt, wo man sauer wird.

ich denkmal bei den kassen ist der mensch eine nummer, die zuviel kosten verursacht.
lg brigitte
Schreiben - ist schriftliches Denken.
(brigitte.m)
Benutzeravatar
brigitte.m
 
Beiträge: 883
Registriert: 11.2006
Wohnort: nähe wolfsburg
Geschlecht: weiblich

Beitrag#10von brigitte.m » 9. Jul 2007 16:10

stimmt - die schutzfunktion, sehr wichtig in unserem beruf - klappt nicht immer.

lg brigitte

ps: bei uns sterben recht junge35 jahre bis ca.: 50. jahre.
Schreiben - ist schriftliches Denken.
(brigitte.m)
Benutzeravatar
brigitte.m
 
Beiträge: 883
Registriert: 11.2006
Wohnort: nähe wolfsburg
Geschlecht: weiblich


Zurück zu "Prosagedichte"



cron