HEUTE, VOR EINEM JAHR

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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HEUTE, VOR EINEM JAHR

Beitrag#1von Fritz Rainer Polter » 11. Mai 2010 10:01

12.05.2010

HEUTE VOR EINEM JAHR (IN WOCHENTAGSKONSTELLATION)

Heute, vor einem Jahr, erwachte ich nach kurzem Schlaf, der mich
nicht erquickte, aber ruhigstellte, hörte dein leises Stöhnen im
Schlaf und sah, dass du dich nicht bewegt hattest seit gestern,
Spätnacht.

Heute, vor einem Jahr und einem Tag, sah ich deinen Zusammenbruch
nach dem letzten Versuch, zu trinken; sah das Wasser, dass
dir sofort wieder entströmte und den Boden nässte, sah dein Umfallen;
unser beider Resignieren besiegelnd. Freiwillig krochst du in den
Käfig, als wolltest du um etwas bitten.

Heute, vor einem Jahr, sagte der Veterinär zu mir es wäre hoch an
der Zeit. Einmal nur in dreißig Jahren hätte er einen Fall von
Rekonvaleszenz erlebt bei solch schwerer Organschädigung, solch
Giften im Blut. Heute vor einem Jahr sah ich mich ein, bedachte,
entschied, und brachte uns auf den letzten gemeinsamen Weg.

Heute, vor einem Jahr, (in der Konstellation der Wochentage, nicht
des Datums) schien zum ersten Mal im Mai eine wärmende Sonne, und
im Auto sagte ich dir, es sei ein schöner Tag zum Sterben.

Heute, vor einem Jahr nahm der Veterinär mein Geld für etwas,
dass ich selbst nicht konnte, aber hätte können sollen. Denn nur so
wäre es richtig gewesen.

Heute, vor einem Jahr, begrub ich dich heimlich und verbotenerweise auf
dem Südfriedhof. Dort liegen nun vier meiner besten Freunde. Dein Bruder
– mag nicht dran denken, wo er verblieb, vielleicht den Tieren im Zoo -
kein stilles Grab, für ihn, für mich ... kein Glück auch hier...

Heute, vor einem Jahr, verlor ich den Mittelpunkt meines Lebens
und den letzten Bezug auf ein mit mir lebendes Wesen: dich, liebe Ella.

Heute, vor einem Jahr, löste der HERR mir endgültig den Schongang.
Er fährt mich talab. Er findet (k/m)ein Ende...


Copyright © 2010 by Fritz Rainer Polter
Fritz Rainer Polter
 

Beitrag#2von nachtlichter » 11. Mai 2010 12:12

Das ist so voller Schmerz
und in seinem Schmerz
wunderschön.

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Beitrag#3von Fritz Rainer Polter » 11. Mai 2010 13:49

Danke, Nächthelle. Für den Katzenjammer.
Und die Neue, die Elsa, ist nun auch schon wieder
einen halben Monat weg. In der ganzen Gegend
werden zig Katzen vermisst. Wenn ich die Brüder
in ihren mit Katzenhormonen fermentierten
Auto und der Fallklappe, durch die sie die
Tiere dann hochziehen, erwische - dann
wird es deren Endstation...so wahr mir Bubastis helfe...
:twisted: :typo_067: :typo_059: :typo_107: :typo_051: :typo_006:
Zuletzt geändert von Fritz Rainer Polter am 11. Mai 2010 19:05, insgesamt 1-mal geändert.
Fritz Rainer Polter
 

Beitrag#4von Gast » 11. Mai 2010 14:14

...mich hat dein gedicht weit zurücktreten lassen -, meine gedanken in eine andere richtung gelenkt - nachdenken verordnet.
ty dafür :!:

cu
M.
Gast
 

Beitrag#5von Gast » 12. Mai 2010 06:49

8) moin
wenns regent :mrgreen: sappe ich mich durch meine alten texte um was zu klaun, :arrow: klaute heute für dich und mich den hier:

Sperrmüll

Es war dieser Tag.
Sie sagte, vergiss den Korb nicht – und ihre Stimme war klein wie erste Knospen im März und schüchtern ihr Lächeln.

Vergiss den Korb nicht, sagte ich mir Monate zuvor, wollte damit den Hund in die Erde bringen.
Ja, ich stellte mir vor, der Hund läge wie schlafend im Korb in der Erde wie im Paradies ummantelt von meinen Tränen ... Doch die Erde war Lehm im Sommer, hart wie Beton, und es gelang mir nicht ein Loch groß genug für Hund und Korb zu graben, - waren meine Anstrengungen dafür auch kolossal. Ich schwitze, dass mir die Tränen für Stunden versiegt blieben. So blieb das Grab für den Hund -, der eingewickelt in seine Schlafdecke, einen Spielkameraden aus Stoff unter dem Kopf, einen auf dem Grab, einem letzten Kuss, - der mit der Zeit davongelaufen ist.

Vergiss den Hundekorb nicht.
Der hatte seinen Platz über Monate in der Garage gefunden. Und heute war Sperrmüllzeit.
Die riesige Zerdrückmaschine rückte röhrend an. Männer in gelben Jacken, mit ocker Hosen, harten Worten und derben Handschuhen.
Und ich. Am Fenster.
...hatte den Korb etwas Abseits vom übrigen Zeug postiert, stand, und sah der Aktion zu.
Lange musste ich nicht warten, denn der Korb war das zweite Stück in den Klauen der Vernichter.
Aus knapp zwei Metern Entfernung warf ihn ein Mann in den Schlund des Ungetüms. Es dauerte nur einige Sekunden, dann biss das Monstrum zu. Es knackte, brach, splitterte, staubte weiß hervor - und schrie. Es schrie so jämmerlich, kreischte hoch wie tief, war laut wie leise, grölend wie flüsternd, stumm wie direkt, - war Tod - und Leben, die miteinander rangen, geradewegs in meine Ohren hinein, in mein Hirn, - mein Herz zerreißend. Mich. Ich strauchelte, stürzte, kam hoch, fiel erneut - und blieb liegen.
Hunderte Tiere sah ich. Die bellten, miauten, grunzten, blökten, schnüffelten, bissen um sich, lagen da, schnarchten, schliefen, wachten auf, knabberten an Gitterstäben, waren todgeweiht. Hingen wenig später kopfüber an den Beinen festgebunden in Reihe an einer endlos langen Metallstange.
Ein Mensch schor sie ab, machte sie vollständig nackt, stach ihnen die Halsschlagadern durch, lies ihr Blut in Plastiksäcke laufen, ging mit Dampf über deren Körper, saugte den Kreaturen die Augen aus, schnitt Ohren, Kopf, Rüssel, Schnauze, Zehen, Klauen, Pfoten, Füße ab. Öffnet deren Bäuche, weidete sie total aus. Zerhackte den Rest grob mit einem Beil. Verteilte die Filets nach Größe und sonst was in Schüsseln. Ein Laufband trieb die Reste vom Kadaver fort. Zurück blieben Eimer, groß wie Badewannen. In denen dampften die Innereien. Einige Herzen zuckten noch. Waren Därme darin, die sich wie im Krampf entleerten. Lebern, Milzen, Mägen, Röhren, Adern, - immer Därme. Und aller Augen stumpf und tot, - genau wie meine.

Du! Wach auf, rüttelte sie mich wach, und vergiss den blöden Korb - und trink nicht so viel. Das Leben geht weiter.

Ja, das Leben geht weiter -, aber wie, ohne diesen einmaligen Hund?, fragte ich in der Kneipe meinen Kumpel Heinz: wie?

© 24.april 2008 michael köhn
Gast
 

Beitrag#6von Fritz Rainer Polter » 12. Mai 2010 08:07

moin, michy; ja, starke textliche verarbeitung,
man versteht auch die notwendigkeit, warum der
korb mit rein muß in die presse.
ich kann will mich stets an meine erste Lesart
bezüglich des verschwindens der "neuen", Elsa, halten,
und die lautet: da sie mir im oktober zugelaufen
ist, hat sie mich im Spätapril wieder verlassen.
sie stahl sich manchmal davon, zu einer familie bei
uns im mietshaus, mit 2 kindern. irgendwie schien sie
bei an mit mir nicht gänzlich glücklich zu sein.
am abend ihres verschwindens habe ich ihr, nicht zum
erstenmal, im angesicht des vom morgen noch unangetasteten
futters gesagt, wir wären keine millionäre - als sie miauend,
zur essenszeit, neues futter wollte - und habe sie dann mit
der schnauze leicht, und zart, aber direkt - in das futter
gestupst, auf dass sie verinnerliche, was genau ich meine.
und dieses nicht erstmalig. sie war ist eine ganz
schöne prinzessin; launig, fass mich nicht an; immer gleich
meine berührungen ableckend, den kopf( im abwehren eines eindrucks)
schüttelnd, oftmals, nach meinen zärtlichkeiten...
ich will glauben, dass sie mich "satt" hatte (vorleben tat ich
ihr ja auch selbst so manchentags, wie genau das geht, hahaha).

dein text ist stark und gehört hier vereigenständigt, ömma!

die verdammten albaner schleichen sich nacht für nacht auf die
griechischen mittelmeerinseln mit booten und fangen dort
alle katzen weg - da helfen nur noch maschinengebewehrte
Bürgermilizen...

mir sachsen sinn nichso schwär bäsdraft mit'n räschen, diesmal.
räschned maisdens bloss nachts...
Fritz Rainer Polter
 

Beitrag#7von nachtlichter » 12. Mai 2010 09:52

mir sachsen sinn nichso schwär bäsdraft mit'n räschen, diesmal.
räschned maisdens bloss nachts...


Wommama hoffn dass das so bleibt!
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Beitrag#8von Fritz Rainer Polter » 12. Mai 2010 15:58

ah, Du hoffst schon für die weh-pf-kotik-treffer.
wird schwierig, die prognose, ohne des kachels
geballtes fachwissen...
Fritz Rainer Polter
 


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