Maikäfer

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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Maikäfer

Beitrag#1von Dani » 22. Nov 2006 22:16

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.

Einst wie jetzt
ist es das gleiche gute Gefühl
nach einer heißen Fahrt den schattigen Keller
zu betreten
Der Gestank hat zugenommen
und die Suche nach dem letzten bißchen Grün
die ist auch neu
Vielleicht liegt es am Alter
Die Pollen stoben mir entgegen wie
Schneeflocken
Ich wußte gar nicht mehr, wie viele Tiere
umherfliegen
an einem schwülen Tag
Doch es ist nicht meine Stadt, durch die ich
fahre
Wie immer bin ich neben mir und verwundert
mich zu sehen
Automatisch hebt sich der Blick nach
Bekannten
Die Chancen stehen schlecht
Ich will zurück
Das Fahrrad unten parken und
eine letzte Zigarette rauchen, während ich zur Schule
hinaufstapfe
Dorthe laut „Tschüß!“ zurufen, bevor sie an der Tankstelle
abbiegt
Mein Fahrrad hat keinen Rückwärtsgang
Ein Mist ist das


(Mai 2005)



Re: Maikäfer Dani, 14.11.06, 19:18

Anmerkung: Dieses Gedicht wollte ich eben in die Leselupe stellen, kurz bevor mein Account GELÖSCHT wurde, als hätte ich niemals dort existiert. Ich fand es in meinen Gedichtordnern. Irgendwie mag ich es. Es ist so sommerlich-wehmütig.
D.



Re: Maikäfer Hilmar, 15.11.06, 00:49

dani auch in diesem forum ist es ein sehr gutes gedicht
ich sitze hier mit kippe vor dem rechner und sehe meine eigne kleine jugend und ich will dir für dieses erinnern danken
gut gemacht leider gibt es hier keine bewertungen sonst hätte ich dieses gedicht sehr gut bewertet
peace hilmar




--


Re: Maikäfer Dani, 15.11.06, 13:54

Hi Hilmar,
danke für deinen Kommentar. Zweck erfüllt, würde ich sagen. Es sollte ein Erinnerungsgedicht sein.
In einem Punkt würde ich dir aber widersprechen: Glücklicherweise gibt es hier keine Möglichkeit der Bewertung. Glaub mir, das macht nur Ärger
LG, D.



Re: Maikäfer rosste, 18.11.06, 21:13

ja, es ist wehmütig und gefällt mir auch.
der gestank der großen stadt, das fahrrad ohne rückwärtsgang.

"Wie immer bin ich neben mir und verwundert
mich zu sehen
Automatisch hebt sich der Blick nach
Bekannten
Die Chancen stehen schlecht
Ich will zurück" - das ist die neue alte ehrlichkeit, die mir so gut gefällt.




--


Re: Maikäfer Dani, 19.11.06, 13:08

Hi, ich danke dir für den netten Kommentar.

Ehrlich ist es schon. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass mein Heimatstädtchen (gefühlsmäßig) immer noch Bielefeld vorziehen würde. Ich möchte nicht mehr in Lübbecke wohnen, dazu ist es mir irgendwie auch zu klein und miefig, aber es ist doch Heimat. Und es ist grün, es gibt weite Felder, das Gebirge im Hintergrund - hach, ich wohne nur 50 km davon entfernt und doch vermisse ich es, wenn ich mal eine Woche nicht hinfahre. Und das erzähle ich einem, der in ein ganz anderes Land ausgewanderst ist. Du hast da wohl andere Heimweherfahrungen machen müssen.

Na ja, und dann sollte es auch schon irgendwie auch darum gehen, die Sehnsucht nach einer vergangenen Routine auszudrücken. Ich bin bestimmt nicht gerne zur Schule gegangen, aber gerade dieses routinierte fehlte mir manchmal. Das Gefühl, jede Ecke und (fast) jeden Menschen dort zu kennen.

LG, Dani



Re: Maikäfer brigitte.m, 19.11.06, 13:32

mir gefällt es auch.
es komisch - ich wohne auch wo anders jetzt. habe über 40 jahre in einem dorf gelebt. durch die liebe, bin ich dann über 175km, von dort weggezogen. aber innerlich war es ein langer prozeß. ich hatte noch jahre lang dort eine wohnung. jedes mal wenn wir mal dort hin fuhren, hatte ich ein freudiges gefühl, hüpfte mein herz höher.

dann kam der zeitpunkt, wo ich mich heimisch fühlte in dem dorf, wo ich jetzt lebe.
vor kurzem mußte ich mal wieder dort hin, wegen erbe und so. du es lies mich kalt - nein besser, ich fühlte mich dort nicht mehr wohl.

jetzt pendele ich seit jahren hin her zwischen meiner partnerin und ihre mutter.
1 woche dort, eine woche hier. zu hause bin ich bei ihr. es sind aber über 150km dazwischen. aber ich habe immer ein rolles gefühl, wenn ich nach hause fahre.

will sagen - es gefällt mir dein gedicht.

ps. nee keine bewertung - man kann es auch so ausdrücken, ob es gefällt oder nicht.

lg brigitte




--


Re: Maikäfer Dani, 20.11.06, 16:43

Hi Brigitte,
schön, dass dir mein Gedicht gefällt. Mit den Heimatgefühlen ist es wohl so eine Sache. Eben las ich in einem Interview mit Jack Nicholson über einen berühmten Regisseur, der gesagt haben soll: Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich keinen alten Mann, sondern immer noch das Kind von einst. Wahrscheinlich geht uns das allen so. Vielleicht ist das ein Teil des Geheimnis.
Wenn du für dich nun eine neue Heimat gefunden hast, dann freut mich das sehr. Es hängt ja auch immer mehr oder weniger damit zusammen. Fast meine gesamte, sehr große Familie lebt und arbeit in dem Ort. Deshalb zieht es mich natürlich auch hin.
LG, Dani



Re: Maikäfer brigitte.m, 20.11.06, 16:56

na ja dani,
ich habe von meiner seite keine familie mehr und dadurch ist es wohl einfacher _ jetzt dort zu leben.

im augenblick sitze ich gerade im zug, auf die heimfahrt. hatte heute noch versammlung und wenn ich nach hause komme, will ich nur noch ins bett. war dieses mal eine harte woche.

ich glaube wer es schafft, dass kind in sich zu behalten ist gut dran - mir gefälls - das ich dies noch hab.
lg brigitte




--


Re: Maikäfer Zefira, 21.11.06, 00:01

Zitat:
Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich keinen alten Mann, sondern immer noch das Kind von einst. Wahrscheinlich geht uns das allen so.

... ach, ich bin immer wieder froh, zu lesen, dass es auch anderen so geht.

Wobei ich nicht "das Kind von einst" sehe. Ich erinnere mich aber noch an tolle Männer mit überschulterlangen Haaren in rosa Strickjäckchen. Und möchte immer noch Ohrringe tragen, die bis zur Schulter reichen.

Wenn es das auch alles nicht mehr gibt. Es ist mir, als sei das gestern gewesen, es gehört zu mir und ich gehe davon nicht ab.

lG Zefira


edit: Vor wenigen Tagen sah ich Jack Nicholson in einer amerikanisierten Fassung von Dürrenmatts "Versprechen".
Mit großartigem Mut zur Hässlichkeit und zum Verfall.
Manchmal beneide ich Schauspieler. Sie haben eine Vollständigkeit der Möglichkeiten in sich, die Normalbürger nicht haben.
Aber auch wir Schreiber haben mehr Möglichkeiten in uns als viele andere.

Seitenwege gehend,
Zefira


Re: Maikäfer Dani, 21.11.06, 14:11

Hi Zefira,
ich denke, als SchauspielerIn hat man noch mal ganz andere Möglichkeiten, dieses Ich-Spiel zu spielen. Nicholson sagte bspw. auch: Wenn du einen harten Typen spielst, dann musst du auch hart sein, anders geht das nicht. Soll man ihm das abkaufen? Bis zu einem gewissen Grad natürlich schon. Aber er "spielt" ja ebenfalls mit diesen Kategorien. Bei all diesem "Wer bin ich wann?" freue ich mich immer wieder, auch Momente zu empfinden, in denen ich ganz sicher bin, gerade Ich zu sein. Zum Beispiel beim Dichten.
LG
Zuletzt geändert von Dani am 24. Nov 2006 17:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag#2von Saurau » 24. Nov 2006 02:02

passend als kontrast zu all den herbstgedichten!

sommerlich leicht.

lg saurau
Saurau
 

Beitrag#3von Dani » 24. Nov 2006 15:49

Danke für deinen Kommentar, saurau!

Ich weiß nicht mehr so recht, warum ich das Gedicht "Maikäfer" nannte. Jetzt gerade denke ich, dass es nicht schmeichelhaft ist, sich selbst als einen solchen zu bezeichnen. Ich meinte also bestimmt nicht mich.

Beim Gedanken an Maikäfer fällt mir ein, wie ich mal in Münster an einer Tankstelle einen hysterischen Anfall bekommen habe. Es war Nacht, die Tankstelle lag stadtauswärts und es hatte den Anschein, dass sämtliche Maikäfer Münsters beschlossen hatten, sich an dieser Tanke zu treffen. Sie hopsten auf meinem Auto rum. Sie summten. Sie flogen bunt durcheinander. Ich weiß noch, dass ich schließlich einfach wieder fuhr, ohne dass ich mich getraut hätte, auszusteigen.
Was Max und Moritz mit Onkel Fritz taten, hätte bei mir wahrscheinlich zum Herzanfall geführt.

Dann denke ich wieder, dass Maikäfer aus menschlicher Sicht ein interessantes Leben führen. Eine ganze Zeit lang sind sie wie Würmer, dann verpuppen sie sich und sind nur wenige Tage lang Käfer, ich glaube, noch nicht mals den ganzen Mai hindurch. Da fragt man sich doch: Wozu der ganze Aufwand?

Sommerlich finde ich das Gedicht auch, weil es mich an eine frühsommerliche Fahrradtour bei wunderbarem Wetter erinnert.

LG, Dani
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