noch ohne Titel (vorläufig: Russlands Helden der Kälte)

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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noch ohne Titel (vorläufig: Russlands Helden der Kälte)

Beitrag#1von Minouche » 22. Dez 2007 02:45

Das Telefon singt
sich unaufdringlich, unbarmherzig
seine Melodie wiederholend, in ihren Kopf hinein.
Sie hat eben noch gesprochen,
ist müde vom Atemholen,
den Gedanken an ihn,
Unausgesprochenes lauernd wie Katzen
vom Hof gejagt,
das Himmelreich voller
unerreichbarer Sterne,
er ist näher, so fern,
wiegt der Hörer
nach dem Gespräch mit ihm
ein Vielfaches,
sie nimmt das Gespräch an,
da hängt ein Geist an ihrem Ohr,
still auf einer Tastatur klappernd,
sie sagt in tonlos klingendes Nichts
am anderen Ende
Ich bin... Der Geist schweigt, atmet noch ein wenig
und legt auf.

Das Telefon singt wieder,
aufdringlich in greifbarer Nähe,
sie hat Angst vor Geistern
und fürchtet sich vor den weiblichen Stimmen,
die vertraute Namen sagen
und die Spiegel der Vergangenheit zerschlagen,
als wären ihre Scherben das Baumaterial
seiner Häuser von morgen,
die sie nicht bewohnen wird,
sie nimmt den gläsernen Hörer auf
fast taub die Zahlen der Vorwahl vor sich hersagend,
Hallo
Hier bin ich
Ich bin ein Name
Mit Knochen und Fleisch dahinter
Und einem Klumpen im Kopf

Der winterweiß den grauen Schiefer von den Wänden kratzt,
und das Raureif über schlafender Erde
nichts suchend,
frostig unter schürfenden Nägeln spürt,
Die Stimme spricht dem Anrufbeantworter
etwas aufs Band,
Sie sagt noch einmal
Hallo hier bin ich, das ist mein Name
Ohne Echo im Hörer,
schweigt und sieht aus dem Fenster
nur frierende Föhren im weißen Kleid
träge weinend im Ostwind
Der Rauch aus dem Schornstein des Hauses
unter ihr zieht hoch.
Wo soll er sonst hin?
Die Straße ist grau.
Wie immer.

Sie nimmt das Telefon
Wählt die letzte Nummer,
die angerufen hat
singt einen fremden Namen
den sie einmal hörte,
lässt die Wölfe los
zwischen ihren Freundlichkeiten
und spürt im Mund den metallischen Geschmack
von Angst, Erkennen, Verlust und Schmerz.
Fast wie Blut,
das geschluckt werden will
und dennoch niemals die Gier stillen wird,
nach all diesen Farben,
die sie einst träumte im Fluss
treibender Zeit.

Die Fenster zittern im Wind
Hoffnungslos beschlagen alle Scheiben.
Unten auf der Straße,
lachen ein paar Leute laut
in der Gegenwärtigkeit heutigen Glücks.
Frostfrorn fern sammeln sich die Sterne
des Winterhimmels übermorgen,
ziellos treibend,
in den Gedanken
der Anderen.

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Dieser Titel ist ein vorläufiger Titel. Er stammt von meinem Sohn, der den Text hörte und assoziierte mit einer Fernsehdokumentation. Für dieses Gedicht fand er ihn gut und passend. Ich fand ihn klasse, weil er so abstrakt und doch zutreffend war. Doch vielleicht fällt jemandem noch etwas Besseres ein.

LG
Minouche
If no one's right and no one's wrong
In between this we are learning much about evil

(Lisa Germano, My secret reason)
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