Weißt du noch ...

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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Weißt du noch ...

Beitrag#1von Melusine » 23. Nov 2008 19:21

Weißt du noch ...


wir spielten zusammen in der Sandkiste
du und ich und das Mädchen von nebenan, mit dem du dich heimlich
hinter dem Fliederbusch küsstest
du glaubst doch nicht, dass ich das nicht wusste
damals
wir bauten Sandburgen und hatten unseren Spaß
aber dann wurden wir groß
und die Großen wollten uns nicht mehr zusammen spielen lassen
warum, das verstand ich nicht
damals
wir schwammen im Teich und spielten auf der Wiese Fangen
und lachten, weil wir fröhlich waren
ich saß auf der Schaukel und du tauchtest mich an
höher und höher
und höher
ich lachte und rief, nun sei es aber genug
aber du warst ausgelassen und hörtest nicht auf und
am Ende fiel ich runter und du fingst mich auf
in deinen Armen
es war ein komisches Gefühl
fast so als hättest du ... ich weiß nicht was
wir waren doch noch Kinder
beinahe

dann fingen die Mädchen an, dir nachzuschauen
jahrelang waren wir zusammen durch Dick und Dünn gegangen
du und ich
nun war ich dir auf einmal im Wege
deine Kinomädchen, deine Tanzschulpüppchen konnten mich nicht
leiden
ich war wohl zu hübsch für einen bloßen Kumpel
sie verstanden es nicht, als du es ihnen zu erklären versuchtest
eines Tages sagtest du, dass wir uns nicht mehr sehen könnten
drei Nächte lang heulte ich mir die Augen aus
dann hatte ich plötzlich einen Freund, mit dem ich „ging“
ich mochte ihn nicht mal
er war nur ein Ersatz und er wusste es
irgendwann später fickten wir dann, er und ich
es machte keinen Spaß
nach einer Weile ließen wir es bleiben
fast ohne Bedauern

heute hast du drei Kinder und einen Hund
und eine Glatze
und ich denke manchmal, dass ich vielleicht
sogar den Duftbaum in deinem Spießerauto
lieben könnte
aber deine verzogenen Fratzen sind wirklich das Letzte
ich bin so froh, dass es damals nichts mit uns wurde
deinen Hund finde ich süß



(Februar 2006)
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Beitrag#2von Sabeth » 23. Nov 2008 20:02

Sehr schön, Melusine.

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Beitrag#3von Der Ohrenschützer » 24. Nov 2008 16:50

Sehr authentisch jedenfalls, finde ich. Liest sich wie ein Hüftschuss, an dem zu werkeln ein Fehler wäre. Inhaltlich bringt es nur bedingt Saiten bei mir in Schwingung, mir scheint es ein wenig nebulös. Aber ein paar Versuche in der Richtung würde ich auf alle Fälle noch machen. 8)
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Beitrag#4von Melusine » 24. Nov 2008 18:12

Danke euch beiden.

Authentisch... lach. Da sieht mans mal: Wenn ich sozusagen autobiografisch schreibe wirkt es glaub ich bei weitem nicht so "authentisch". Weils dann viel mehr verklausuliert ist. Das hier ist reine Erfindung, basiert allerdings auf ein paar Kindheitserinnerungen und ... der romantisch verklärten Erzählung meiner Mutter über einen Jugendfreund. :D

Technisch betrachtet: Stimmt, ich glaub ich könnte daran auch kaum "werkeln". Es ist tatsächlich recht spontan aus einer Stimmung heraus entstanden und einer dieser Texte, die man nicht wirklich überarbeiten, höchstens neu schreiben kann.
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Beitrag#5von Der Ohrenschützer » 24. Nov 2008 22:46

Geht mir auch so, dass die auf Tatsachen beruhenden Texte unwirklich wirken und umgekehrt. Das Leben ist eben verrückter als man glaubt.
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Beitrag#6von Zefira » 28. Nov 2008 15:26

Liebe Mel,

ich weiß nicht, ob eine kritische Stellungnahme Dir willkommen ist, da es sich offenbar um einen autobiographischen Text handelt.
Aber trotzdem:
Ich hatte beim Lesen des ersten Abschnitts das sichere Vorgefühl, dass das Beschriebene in eine Katastrophe oder eine bittere Erkenntnis münden wird. Der Grund dafür war das "sie wollten uns nicht zusammen spielen lassen".
Warum, fragte ich mich, und erwartete entweder, dass der Spielkamerad irgendwie schräge ist und das erzählende Ich irgendwann mies bis schändlich behandeln wird (ein Pädophiler zum Beispiel) oder dass er sozial und/oder ethnisch nicht zum erzählenden Ich passt, nach dem Motto "spiel nicht mit dem Schmuddelkind".
Das tatsächliche Fazit gefällt mir zwar sehr; aber die Frage, warum die Erwachsenen den Umgang der beiden nicht gern gesehen haben, bleibt unbeantwortet und meine Erwartungshaltung baumelt weiter fragend im Raum herum :'(
Das ist etwas, was ich ändern würde. Es verstellt m.E. den Blick auf das, was dann tatsächlich kommt.
Die letzte Strophe ist ansonsten bezaubernd.

Viele Grüße
Zefira
______________
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Beitrag#7von Melusine » 28. Nov 2008 18:13

Hi Zefira, nein, kein Problem, ist nicht autobiografisch. Der Text basiert auf einer Mischung verschiedenster Kindheits- und Jugenderinnerungen und der Erzählung meiner Mutter über einen Jugendfreund, in den sie mal verliebt war, er aber nicht in sie. Seine Mutter hätte sie gern als Schwiegertochter gesehen, sagte sie.
Er war dann viele Jahre Sportreporter beim ORF, daher weiß ich wie er aussieht. Er hatte tatsächlich schon in recht jungen Jahren eine Glatze ;).


Die Zeile "und die Großen wollten uns nicht mehr zusammen spielen lassen" bezieht sich auf eigene Erfahrungen in der Pubertät. Ab einem gewissen Alter war es "verpönt", dass Mädchen und Jungen unbeobachtet miteinander spielen. Ich kriegte mal Schimpfe, weil ich mit dem Nachbarsbuben, der vier Jahre jünger war als ich, bei einem Ferienlager im Schlauchboot etwas zu weit aufs Meer rausfuhr. Nicht etwa, weil etwas hätte passieren können und ich als die Ältere verantwortlich war - nein: Wir hätten ja fummeln können. :shocked: Er war damals glaub ich 10 und ich 14... oder so.

Aber wenn das falsche Erwartungen weckt und in die Irre leitet, überleg ich mir mal, ob ich es ändere oder weglasse.


Ach so... fast vergessen: Danke! :)
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Beitrag#8von nachtlichter » 29. Nov 2008 13:05

Hallo Mel,

deine Andeutung, dass Junx + Mädels ab einem bestimmten Alter nicht mehr miteinander "spielen" dürfen, habe ich schon beim 1. Lesen genauso verstanden, wie du sie jetzt erläutert hast. Meine Eltern neigten damals zu ähnlichen Äußerungen, die ich arglose Person überhaupt nicht verstand. Ich fand es als Kind lustiger, mit den Junx auf Bäume zu klettern oder Indianer zu spielen. 8)

Mir gefällt dein Text sehr gut, ich konnte mich in ihn hineinfühlen und habe Parallelen zu Teilen meiner Biographie entdeckt.

Liebe Grüße
Regina
Auch Motten schmettern links ^^
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