zweite halbzeit

vorwiegend erzählende Gedichte, bei denen es nicht unbedingt auf lyrische Verdichtung ankommt (themenunspezifisch)

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zweite halbzeit

Beitrag#1von rosste » 4. Jan 2007 22:19

ich weiß nicht, wie das spiel ausgeht
wie gut oder wie schlecht ich bin
mit wem ich kämpfe und gegen wen?
der schiedsrichter wechselt ständig
dauernd neue regeln, kein abseits mehr
damit die geldinstitute noch schwerer werden
nickel, kadmium, quecksilber

wäre doch der ball wieder aus leder
wie in guten alten zeiten
und die zäune tief wie sofalehnen

morgen werde ich ungefähr fünfzig
ein alter hase, der füchse jagt
alle menschen werden hundert
prozent sicher sein, dass sie
allein sterben

oder willst du mit mir?
oder mit morfin?
oder überhaupt nicht?

die noradrenalinspritzenpumpe
verhindert schon vier tage deinen kreislaufkollaps
ärzte, schwestern und angehörige reden über dich
in deinem beisein
wie über ein auto
mit einem motorschaden, platten und einer rostigen karosserie
schleifender kupplung und sprüngen in der frontscheibe

letzte nacht träumtest du
jemand sei auf deine brille getreten
und du würdest an der künstlichen niere liegen
veno-venöse hämodiafiltration für abgefackte

lass nur
meine zeit steht in meinen händen
vorsichtig sag ich das auch zu theologen
ich bin nicht gekommen, frieden zu bringen, sondern das schwert
hat jesus gesagt
viele sterben mit seinen worten im herzen

morgen ist freitag
ich werde dich zum essen einladen
nierchen mit paprikareis
rotwein und wodka
wir feiern meine jugend
Zuletzt geändert von rosste am 7. Jan 2007 20:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag#2von Gast » 6. Jan 2007 13:08

sehr expressionistisch. interessant zu lesen, zu schauen.
Gast
 

Beitrag#3von Gast » 6. Jan 2007 15:19

einiges beiße ich mir gleich jetzt gerne raus. der rest muss warten :idea:
Gast
 

Beitrag#4von rosste » 7. Jan 2007 00:46

danke bon,
lesen und schauen - manchmal dringen die worte wie geschmolzene butter ins röstbrot.

danke michy,
ja, wir müssen jetzt beißen, jetzt, bevor die dritten zähne kommen :-D
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Beitrag#5von Gast » 7. Jan 2007 01:49

morgen ist freitag
ich werde dich zum essen einladen
nierchen mit paprikareis
rotwein und vodka
wir feiern meine jugend

das Herz wird älter doch die Seele und die Liebe
sie kennen keine Jahre..

das lese ich auch hier...

ich würde glatt mit feiern.. denn ebenso ergeht es mir.. immer öfter..

du fängst das tiefe innere des Lebens ein

zeitlos,

so oft in deinen Werken..

LG
casy
Gast
 

Beitrag#6von Melusine » 7. Jan 2007 01:58

Ich muss dabei an herb denken, oder besser gesagt an seine Frau.
Aber als Arzt kennst du solche Situationen natürlich praktisch aus dem täglichen Leben.
Mich macht der Tod immer noch fertig. Erstmals als
meine Urgroßmutter starb. Sie war 88. Ich dachte, sie würde
mindestens 100 werden. Damals war ich fast noch ein Kind. 18.
Dann meine Mutter, die viel zu jung den Löffel abgeben musste.
Es verfolgt mich.
Der nächtste Tod eines mir wirklich wichtigen Menschen wird wohl
mein eigener sein.
Hoffentlich.


P.S.: Bitte entschuldige die textferne Betrachtung ...

P.P.S.: Halbzeit ... hmm. Ich bin bald 43. Glaube kaum, dass ich 86 werde ... lach.
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Beitrag#7von Gast » 7. Jan 2007 02:21

Der nächtste Tod eines mir wirklich wichtigen Menschen wird wohl
mein eigener sein.
Hoffentlich.


oh Mel dies Gefühl kenne ich auch.. gut

ich wollte stets vor allen anderen sterben ..die ich liebe

dachte sowieso, dass ich deren Tot nie überstehen würde..

.. meine Mutter starb ..mein Vater ebenso

..Opa Oma habe ich schon so so..lange nicht mehr..

ich dachte immer, dass ich den Tot andere gar nicht erst überleben will..
Gast
 

Beitrag#8von Gast » 7. Jan 2007 02:23

rosste..

geschmolzene butter ins röstbrot.


genau so etwas macht dich aus... das Detail..
Gast
 

Beitrag#9von rosste » 7. Jan 2007 02:45

danke casy,
wir feiern zusammen - das leben, die jahre, die liebe.

liebe mel,
mich macht der tod nicht fertig. er gehört zum leben dazu. mein opa wurde 92 - von ihm hab ich gelernt, wie man einen karnickelstall ausmistet.
als arzt hab ich viele sterben sehen. meistens war das eine erlösung.

casy, die details verlieren sich beim sterben - wir gewinnen die zweite halbzeit - so oder so.
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Beitrag#10von Gast » 7. Jan 2007 11:57

sterben und tod sind endgültiges abschiednehmen. wie der abschied trifft es einen unterschiedlich schwer.
der tod von kindern und jungen menschen berührt uns anders als der tod eines greises.
der tod nach langer krankheit und siechtum berührt uns anders als der plötzliche tod durch zb. einen unfall.
der tod eines geliebten menschen beschäftigt uns nachhaltiger als der tod eines fremden.
der tod eines edlen menschen wird mehr betrauert als der tod eines mörders ...

bon.
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