Berlin, die erste Runde geht an dich!

Juli/August 2010

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Berlin, die erste Runde geht an dich!

Beitrag#1von thyra thorn » 29. Aug 2010 11:46

Alle sind weg.
Sie sitzt allein am Küchentisch und sieht auf den kleinen Hof hinunter.
Ihre Eltern haben sich tränenreich verabschiedet, ein paar leere Umzugskartons in den Transporter geladen und sind bereits auf dem Heimweg in die kleine Stadt, in der sie aufgewachsen ist.
Sie ist zwanzig und hat einen Studienplatz in Berlin an der Freien Universität ergattert.
Es ist höchste Zeit, sich endlich auf eigene Füße zu stellen.
Von den Eltern unabhängig zu werden, das hat sie fest vor. In einer eigenen Wohnung.
Das ist ja auch vernünftig.

Ihre Mutter hat es allerdings überhaupt nicht einsehen wollen, und schon während sie sich am Vorabend durch die Grenzanlagen in Rudolfstein quälen, streiten sie wieder.
Dann durchqueren sie „die Zone“ – ihr Vater weigert sich, „DDR“ zu dem ummauerten Stück Deutschland zu sagen.
Und so kommt es ihr auch vor, eine Zone, eine Schreckenszone, eine Todeszone.
Die Fahrt über die dunkle holprige dunkle Autobahn, über Hitlers Kopfsteinpflaster.
Ihr Receiver fällt dabei krachend zu Boden.
Weiter vorbei an den unheimlich beleuchteten Raffinerieanlagen von Bitterfeld. Rauchschwaden quellen aus den Schloten und aus unzähligen Ventilen, die Lampen tauchen sie in fahlgraues Licht. Es stinkt nach Schwefel und anderen undefinierbar muffig giftigen Stoffen.
„Plaste und Elaste aus Skopau“ liest sie auf einem hoch aufragenden Gebäude direkt neben der Autobahn. Ein Versprechen an die DDR Bürger. Plaste und Elaste für die ganze Welt und für die Ostzonenbewohner ein besseres Leben.

Einige von denen sehen sie in dem Mitroparestaurant, in dem sie Halt machen, um etwas zu essen. Die Ostbürger warten mit verschlossenen, abweisenden Mienen, bis ihnen der ebenso unfreundliche, arrogante Kellner ihren Platz an den Tischen anweist.
Als sie selbst an der Reihe sind, deutet der Kellner mit einem kurzen Nicken auf einen entfernten Tisch, an dem sie Platz zu nehmen haben. Weit weg von seinen DDR-Genossen.
Es ist nicht erwünscht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.
Sie hat auch gar keine Lust dazu, zumal wahrscheinlich sowieso jeder zweite von denen ein Spitzel ist.
Außerdem erinnert sie sich gut an die Geschichten, die man über westdeutsche Autofahrer erzählt, die sich verbotenerweise mit „Ossis“ auf den Autobahnparkplätzen treffen, um ihnen Westzeitungen zu bringen, und die dann stundenlang auf irgendwelchen ostdeutschen Polizeirevieren verhört werden.
Sie hat das alles vorher gehört, aber sie hätte es sich nie so bedrückend vorgestellt.

Nach Stunden schweigsamer Fahrt kommen sie endlich an die Berliner Grenzstation „Drei Linden“. Reihen sich in die langen Warteschlangen vor den Grenzhäuschen ein. Bleiben folgsam am weißen Strich stehen, bis ihnen der Grenzbeamte erlaubt, weiter zu fahren.
Dabei wird der ganze Lieferwagen geröntgt. Die Röntgenstrahlen sind so stark, das sie durch das Blech des Wagens und des Kofferraumes dringen. Alles auf der Suche nach einem ostdeutschen Menschen, dem sie vielleicht so die Flucht nach Westberlin ermöglicht hätten.

Dann das erste Gefühl der Erleichterung, als sie die DDR hinter sich haben und auf die Berliner Avus, auf die Stadtautobahn einbiegen.
Der Vater tritt aufs Gaspedal wie alle anderen auch.
Endlich raus aus der Ostzone.

Sie hat die kleine Wohnung von der Schwester ihres Ex-Freundes in Charlottenburg übernehmen können und nahe dem Kongreßzentrum müssen sie von der Stadtautobahn abbiegen.
Als sie das riesige Gebäude sieht, wird ihr klar, dass es für sie kein Zurück mehr gibt.
Sie ist endgültig auf einem fremden Stern gelandet.
Dieses architektonische Monstrum mit seiner glänzenden Stahlhaut und ausgespieenem Metallgewürm sieht wie ein Ungetüm aus einer fernen Galaxie aus, das in den Straßen Berlins gelandet ist und sich nun in der Stadt festkrallt- einfach nicht mehr wegfliegen will.
Sie wäre gern wieder weggeflogen, - am besten zurück in ihre hübsche kleine Heimatstadt mit ihren Fachwerkhäuschen und verwinkelten Gasen. Vielleicht auch in die warmen, Besitz ergreifenden Arme ihres ehemaligen Freundes. So einengend starke Arme, dass es ihr die Luft abschnürte angesichts eines Eheglückes, das sich auf der Anschaffung der neuen Einbauküche gründen sollte.
„Nein bloß weg,“ sie reißt sich zusammen „es gibt kein Zurück!“ und so sagt sie kein Wort, sondern presst nur die Lippen aufeinander und strafft ihren Rücken.

Der Lieferwagen ist schnell ausgeladen und das Nötigste eingerichtet, und am folgenden Tag machen sich die Eltern auf den Heimweg.
Und jetzt sitzt sie am Fenster und sieht in den kleinen Hof hinunter.

Berliner Hinterhöfe müssen nur so groß sein, dass die Wasserspritze der Feuerwehr darin wenden kann. Derjenige, der das Pech hat, eine ebenerdige Wohnung im Hinterhaus zu bewohnen, muss immer das Licht anschalten, auch tagsüber.
Sie wohnt im ersten Stock. Gardes-du-Corps Strasse, erster Hinterhof, Seitenflügel, erster Stock rechts. Zimmer mit Küche und Außenklo, kein Badezimmer, Miete: 70 Mark. Im Jahr 1980.

Eine große Kastanie wächst in der Mitte des engen Betongevierts. Sie darf da eigentlich nicht wachsen, doch sie ist groß und prächtig.
Nimmt ihr noch zusätzlich das Tageslicht, aber ist ein Rest Natur in dieser Steinwüste.
Sie sieht einem kleinen Vogel zu, der auf einem Ast herumturnt.
Zuhause wäre er ihr selbstverständlich gewesen.
Vor ihrem Kinderzimmer dehnte sich ein weites Feld, das im Frühjahr zartgrün schimmerte, im Sommer gelb vom Getreide war und im Winter weiß vom Schnee. Zuhause sah sie den Rehen zu, deren dunkle Silhouette sich gegen die hellen Winterflächen abhob.


Hier sieht sie nur die Kastanie und die gegenüberliegende Hausfront aufragen mit leeren blinden Fenstern.
Das andere Haus ist entmietet. Der Eigentümer will es planmäßig verrotten lassen, um es abreißen zu können. Ein paar wohnungslose Jugendliche, so genannte „Trebegänger“, entdeckten das leer stehende Haus, zogen ein, bemalten die Wände, breiteten ihre Matratzen auf dem Boden aus und ihre Flaschen und ihre Essenreste und ihre Kleider und allerhand anderes Zeug.
Daraufhin ließ der Hauseigentümer die Zwischendecken und das Treppenhaus abreißen und vertrieb so die Trebegänger. Teile des Daches stürzten ein, und wenn sie sich weit genug vorbeugte, kann sie schräg durch die leeren Fensterhöhlen der Ruine ein Stück Himmel sehen.
Sie denkt an das Feld vor ihrem Fenster zuhause und wie selbstverständlich ihr der Ausblick auf die Natur vor dem Fenster war.

Dafür wachsen in der Küche ein paar Pilze aus der Wand, zwängen sich durch einen Spalt in der Verschalung der Wasserleitung.
Als sie durch eine der Küchendielen bricht, holt sie einen Klempner, der die Verschalung aufstemmt und einen Wasserrohrbruch entdeckt. Die Leitungen sind braun vor lauter Rost. „Trinken sie das Wasser nicht!“ sagt er.
Auch wegen des Küchenbodens würde sie gern einen Handwerker holen, aber die Hausverwaltung macht Probleme und will nicht einmal den Klempner zahlen. Doch da kein Wasser mehr aus der gebrochenen Leitung tritt, können die anderen Küchendielen austrocknen und sie ersetzt die durchgebrochene mit einem Stück Brett.
Mit einem gewissen trotzigen Ingrimm, sie versucht zu scherzen. Allmählich gewöhnt sie sich ein wenig an die Wohnsituation.

Als der Winter kommt und die Temperatur weit unter Null fällt, dichtet sie die zugigen Fenster mit alten Matratzen ab und schläft angezogen in dem kalten Bett. Das Schamott in ihrem Kachelofen ist gesprungen und trotz allen Heizens bekommt sie die Wohnung nie wärmer als 15 Grad. Das ist kalt, und um sich aufzuwärmen, flüchtet sie nach unten in die Eckkneipe.
Je absurder die Wohnsituation wird, desto trotziger wird sie. Und je mehr die Mutter sie am Telefon beschwört, doch wieder nach Haus zu kommen, desto beharrlicher klammert sie sich an ihre erste eigene Wohnung.
Obwohl es ein Loch ist und obwohl es ebenso wie das Nachbarhaus entmietet und alle Mieter vergrault werden sollen.
Aber diese Wohnung kann sie bezahlen von ihren Putzjobs neben dem Studium.

Viel mehr kann sie sich leider nicht leisten, auch kein eigenes Telefon und da die Haustür abends ab acht verschlossen wird und keine Klingel draußen an der Haustür ist, ist sie ab acht gefangen, unerreichbar für ihre Freunde.
Wenn sie Freunde hätte, wenn sie welche in dieser „Abtörnstadt“ finden würde.
Jetzt ist sie seit drei Monaten in Berlin und hat es gerade mal auf vier oder fünf private Kontakte gebracht. Aber keinen von Dauer und so sitzt sie abends ab acht vor ihrem Fernseher und spricht sie mit sich selbst.
Auch auf der Strasse - ein Mann hält sie an und fragt sie, ob sie viel allein wäre und sie solle ein wenig auf sich achten.

Doch es wird besser.
Am nächsten Tag plaudert sie mit der Nachbarin von oben, einer alten Frau. Und kauft von jetzt an ab und zu für die alte Dame ein, bringt ihr etwas vom Markt mit, trinkt mit ihr Kaffee.
Auch mit der Nachbarin von gegenüber wechselt sie ein paar Worte. Und als sie beide entdecken, dass sich auf der gemeinsamen Außentoilette - sie befindet sich im Zwischenstock eine halbe Treppe tiefer – ein Obdachloser eingenistet hat, nehmen sie es mit Humor.
Packen die Habseligkeiten des Bedauernswerten in Plastiksäcke und versperren die Toilettentür mit einem Vorhängeschloss.
Lachen und grüßen sich von da an freundlich im Treppenhaus.
Zu einer näheren Bekanntschaft kommt es nicht, weil die Nachbarin ein Flohproblem hat.
„Weißt du, ich sitze und lese und auf einmal springen die Buchstaben weg. Da habe ich erst kapiert, dass unsere Katzen Flöhe haben und die ganze Wohnung voll davon ist!“ Die Nachbarin holt den Kammerjäger, aber sie mag sie trotzdem nicht mehr in der Nachbarwohnung besuchen. Schöpft aber trotzdem Hoffnung.

Gewinnt außerdem weiterhin an Unabhängigkeit.
Weil sie sich in keiner Weise dem Drängen ihrer Eltern fügen will, entschließt sie sich, ganz auf die elterliche Unterstützung zu verzichten. Geht morgens vier Stunden in einer Wäscherei am Anhalterbahnhof nahe der Mauer arbeiten.
Und lernt einen Mann kennen, einen Studenten.
Den besucht ihn ab und zu in seiner Wohnung, genießt ihn und seine Wohnung und sein Badezimmer – sie hat ja keines.
Vor allem schätzt sie das Gefühl, ihm jederzeit den Rücken zuwenden zu können und in ihre eigene Wohnung zurück zu kehren.
„Zieh bei mir ein, in deiner Bruchbude kann man doch nicht leben!“ sagt er. „Nein“ gibt sie zu, „aber ich kann sie bezahlen!“ und ist stolz auf sich.
Außerdem wird es Frühling und sie misst schon mehr als 15 Grad in der Wohnung, das gibt ihr Auftrieb.

Am nächsten Tag freut sie sich am geöffneten Fenster über die Frühlingswärme.
Blickt nach unten in den Hinterhof.
Dort steht ein Mann und sieht zu ihr hoch. Sie schaut ihn an und ihr Blick gleitet nach unten.
Er hat die Hosen heruntergezogen und masturbiert, sieht ihr dabei direkt in die Augen.
Erschrocken tritt sie einen Schritt zurück. Sie schämt sich und flüchtet in das Innere ihrer Wohnung, damit er sie nicht mehr sehen kann. Es ist ihr, als ob sie durch diesen intensiven Augenkontakt ummittelbaren Anteil an seiner sexuellen Handlung hätte. Zum Ziel seiner Begierde geworden wäre. Mitgemacht hätte.
Von jetzt an sucht sie beim Durchqueren des Hinterhofes mit Blicken jeden Winkel ab. Ob er sich nicht vielleicht irgendwo versteckt hielte.
Und überlegt in besonders düsteren Momenten, ob sie dem Drängen ihres Freundes nicht doch nachgeben sollte.
Aber noch ist ihr Wille nicht gebrochen.
Und ihre Unabhängigkeit ist ihr noch jede Unannehmlichkeit wert.

Doch das wird sich ändern.

Das Haus leert sich zunehmend.
Die Nachbarin von gegenüber hat zwar ihr Flohproblem in den Griff bekommen, hat aber endgültig die Nase von Außenklos voll, deren Leitungen im Winter zu frieren.
(Sie hatten drei Wochen lang im Winter auf die Toilette der nahen Eckkneipe gehen müssen, bis die Leitungen wieder aufgetaut waren.) Sie zieht aus.

Die alte Dame von oben hebt wie immer am ersten Tag des Monats ihre gesamte Rente ab. Am zweiten Tag kommen zwei Männer in „Blaumännern“, geben sich als Mitarbeiter der Stromgesellschaft aus, zwingen die alte Dame zur Herausgabe des Geldes und schlagen sie krankenhausreif.
Von dort kommt die alte Frau direkt in ein Pflegeheim.

Den Toten im Hinterhaus kennt sie nicht.
Zwei Polizeibeamte klingeln an ihrer Tür und fragen sie nach dem jungen Mann. Ob sie was gehört hätte, Schreie, Streit?
Nein, sie hat nichts gehört, obwohl sie in der Nacht zuhause gewesen ist.
Die Beamten sehen sie zweifelnd an und lassen ihre Telefonnummer da.
Wie im Film, sie kann es nicht glauben.
Aber als sie den Sarg sieht, den die Männer vom Beerdigungsunternehmen durch den Hinterhof tragen, glaubt sie es doch. Es wäre eine Streiterei um Drogen gewesen und der Täter hätte ihn totgeschlagen und sie hatte nichts gehört.

Da gibt sie auf, kündigt ihre Wohnung und flüchtet sich in die Obhut ihres neuen Freundes.
Aus ist es mit Unabhängigkeit und Freiheit.
Es werden Jahre unnötigen Beziehungskrieges und emotionaler Unterdrückung folgen. In ihrem persönlichen Kampf um Unabhängigkeit hat sie die erste Runde klar verloren.

Dafür hat seine Wohnung eine Zentralheizung.
thyra thorn
 

Beitrag#2von EMJu » 31. Aug 2010 14:00

Sehr bedrückend, sehr plastische Bilder. Eine gute Geschichte, da stören kleinere Rechtschreib- oder Grammatikfehler nicht. Der ungeschmückte Erzählstil passt zur Traurigkeit der Geschichte.
Gefällt mir.

Gruß
emju
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