Faden verloren?

Juli/August 2010

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Faden verloren?

Beitrag#1von ToRi » 31. Jul 2010 02:27

Ich starrte auf die Tasten meiner Schreibmaschine.
Das leere Blatt machte mir, noch nie zuvor gefühlte Angst! Es war ein böses Gefühl, das mir nach eingestanden ausgeprägtem Selbstverständnis eigentlich fremd sein sollte.
Ich hatte heute Früh noch die felsenfeste Überzeugung gehabt, die Worte würden nun nur noch so aus mir heraussprudeln. Weit gefehlt, musste ich mir nun eingestehen.
Aber verdammt, ich war hier nicht zum Zeitvertreib! Ich musste einen verdammten Kolumnenbeitrag verfassen. Thema vom Editor vorgegeben. „Macht und Korruption“ und möglicherweise etwas über die größte Verschwörung der Neuzeit.
Für eines der verdammten Linksblätter, die mit kirchlichem Weiheverhalten so gut wie gar nichts am Hute haben, aber trotzdem ihre Kolumnisten sehr gut bezahlen.
Nun gut, einige meiner treuen Stammleser könnten mich für eines dieser verdammten, angepassten Arschlöcher halten, die nur des „schnöden Mammons“ wegen, für Stimmung in der Mehrzahl der politisch eher mäßig Interessierten sorgen wollen. Aber dem ist nicht so! Ich bin schon von Hause aus, eines der verdammten Arschlöcher die sich der Macht des Schreibers absolut bewusst sind. Und ein so verdammtes Arschloch, dass es mir sogar Freude bereitet, hier für so etwas wie ein politisches Bewusstsein in dem von mir so bevorzugten Sinne zu sorgen.
Heute aber schien es mit meiner demagogischen Herrlichkeit nicht ganz so weit her zu sein. Nun gut, wofür war man eigentlich Profi? Alleine diese selbsthypnotische Anwandlung in Selbstansprache, hatte mir in der Vergangenheit schon einige Male über das wohl weitest verbreitete Krankheitsbild unter kreativen Schmierfinken hinweg geholfen. Warum sonst, verdammt, hatte mir ein ganzes Heer mehr oder weniger verständnisvoller Unidozenten und nicht selten selbstverliebter Habilitanten, die Geheimnisse erfolgreicher Autorenschaft versucht beizubringen?
Wenn nicht, um über solche Selbstverzweiflungsmomente hinwegzukommen?
Diese soeben erwähnten Schmierfinken waren diesem Krankheitsbild, wohl mehr als der Rest der Bevölkerung, möglicherweise sehr hilflos ausgeliefert.
Monokausale Schreibhemmung, verbunden mit multikausaler Ausprägung, was in dem verdammten Psychodeutsch nichts anderes als eine Vorahnung auf kommende Selbstzweifel, mit anschließender Suizidtendenz bedeutete.
Im normalen Umgangssprachlichen, auch als Schreibblockade nach durchzechter Nacht mit allzu viel Alkoholkonsum, bezeichnet.
Natürlich nur, von durch Verflechtung mit den Printmedien Verbandelten.
Macht und Einfluss!
Wie, um alles in der Welt, stellt man Machtapparate an den Pranger, wenn aus Gründen der Ausgewogenheit auf die Nennung von Klarnamen verzichtet werden soll?
Der einer verdammten Waffenschmiede, deren Gewinnmaximierung „ex numera absolutum“*, von der Zahl derer, von ihrem Exportschlager Hingemähten abhängt und deren Vorstände sich bei Hauptversammlungen gegenseitig, beidhändig auf die Schulter klopft, nur weil im Südsudan wieder einiges an Menschenmaterial zur Disposition steht!
Aber nun soll mir die Großpolitik absolut Wurst sein, ein Text muss her! Einer, der dem Editor die Schamröte in die wässrigen Augen treibt.
Na gut meinen Namen kann ich ja noch schreiben.
Wie sagte einer der Professoren vor Jahren? Irgendetwas von Einstiegsbemühungen, die schon dadurch wirken weil der Mensch, im Gegensatz zu weit verbreiteten Meinungen gutherziger Philanthropen, nun mal zur Herrschaft geboren ist. Er will nicht beherrscht werden. Sein, von Anbeginn seiner Irdischen Existenz vorherrschendes Ziel ist, Herrschaft auszuüben, nicht, sich einer solchen durch Andere zu beugen.
Warte ab, mein Freund, solltest du auch deinen Herrschaftsanspruch nicht freiwillig in meinem Sinne für obsolet erklären, werde ich dich durch mein Aufbäumen, in literarischer Hinsicht eines besseren belehren.
Frankie Miller lässt sich nicht durch einen Chef-Redakteur ins Boxhorn jagen und ein kleiner Schreibkrampf, lässt ihn ganz bestimmt nicht an seinem Talent zweifeln.
Frankie Miller, dem der Pulitzerpreis wohl nicht schon in der Wiege geweissagt wurde. Wohl aber auch nur deshalb, weil seine Geburt in einem für Vorhersehbares ziemlich ungünstigen Gemengelage stattfand. Und das nur, weil seine Mutter einige Jahre ihres Lebens für frühere Verfehlungen im Gefängnis büsste.
Nun gut, meine Mutter oder das, was für ihren unfreiwilligen Aufenthalt in Staatspension sorgte, war mir eigentlich nie so wichtig gewesen.
Mir war eigenes Fortkommen immer schon sehr viel wichtiger und dazu gehörte nun mal, dass alles was für Ballast sorgte, über Bord geworfen werden musste.
Ballast war nur hinderlich und versaute einem regelmäßig den Aufstieg.
Also, um in die Gänge zu kommen, schrieb ich meinen Namen auf das ansonsten leere Papier.
Dieser Vorgang stellte schon immer so etwas wie einen Befreiungsschlag dar.
Seinen eigenen Namen auf einem ansonsten unbefleckten Stück Papier zu lesen, gibt einem das Gefühl von Größe. Stellt sozusagen einen Deflorationsakt dar, wenn man Soziologen glauben darf.
Keine schlechte Erklärung, wenn man auf Romantik steht. Ich stand noch nie auf Romantik, da schon eher auf realistischen Betrachtungen.
Was kann es einem schon bringen, sich zusammen mit einer möglicherweise Angetrauten den Sonnenuntergang anzuschauen, wohl wissend, dass im nächsten Augenblick millionenfach Neonröhren ihren nächtlichen Dienst beginnen und das Weib neben einem von einem Nerzmantel träumt?
Macht auszuüben?
Immer noch besser, als sie zu beschreiben, möglicherweise auch noch, sie in eine gut konstruierte Kurzgeschichte zu verpacken.
Wir Tintenkleckse üben eine ganz besondere Art von Macht aus, soviel scheint sicher.
Wir haben, kraft unserer Autorität so etwas wie einen Vorschussbonus.
Unser Produkt entblättert sich erst mit fortschreitender Beschäftigung unserer eigentlich bedauernswerten Leser, mit dem von uns Verfassten.
Für Reue ist es nach der Lektüre absolut zu spät.
Hierauf muss also schon bei der Betrachtung des noch jungfräulichen Blattes Papier, das bisher auch nur durch den Namen des Autors befleckt wurde, wenn auch nur seines Besitzanspruches wegen, Obacht genommen werden.
Also nicht zu viel verraten. Alle Welt im Dunkel lassen! Den Überraschungseffekt nutzen! Der Leser muss nach Lektüre des Textes das Gefühl haben, sich nicht geirrt zu haben. Seiner Überzeugung, doch besser zu Bett zu gehen anstatt sich mit fremder Schreibe abzumühen, muss im Kern begegnet werden.
Ein Titel muss her!
Einer, der trotz seines Themenbezuges alles schön im Dunkel lässt!
“Machtgefügigkeiten“?
Guter Titel! Muss nur noch mit Leben gefüllt werden.
Machgefüge würde an einen wissenschaftlichen Aufsatz über ein so ernstes Thema wie die Bedeutung des „Council of Foreign Relations“ auf die Amerikanische Politik, oder deren Herrschaftsstrukturen in den befreundeten Staaten denken lassen.
Aber wie forderte der elegische Editor?
Möglicherweise dürfen Namen nur in stark abgeänderter Form in der Publikation erscheinen. Dem Hinweis sollte, zumindest bei realen Anspielungen, in jedem Falle Rechnung getragen werden.
Möglicherweise hat der Editor in diesem besonderen Falle sogar Recht.
Er hat, es genau betrachtet, sogar das Recht auf seiner Seite und damit die Macht!
Was bilde ich mir, ich kleiner Schreiber, eigentlich ein?
Ich könnte die Welt mit meiner Recherche beglücken?
Nur weil dieser, als elitäres Studienseminar getarnter Lobbyistenzusammenschluss, die absolute Macht auf Erden darstellt und zumindest die Westliche Welt mit seinen Heilsversprechen blendete und das schon seit den Nach-Zeiten des Ersten Weltkrieges, genau seit 1923!
Bloß wie packt man eine solche Information in einen Text über Macht, ohne das Gebot des Editors zu verletzen?
Macht man sich die Mühe, einen Dialog zweier Wissender in eine Kurzgeschichte zu packen, die sich einem völlig unverdächtigen Thema widmet? Möglich wär´s.
Hätte, genau betrachtet, nur den Effekt im Text und der Handlung zu versacken.
Nun gut, meine Hausarbeiten zum Thema hatte ich gemacht! Nun kam es nur noch darauf an, nirgendwo unliebsam anzustoßen. Nicht beim Editor, noch den Juristen der Benannten eine Handhabe für Justitiables zu liefern.
Die Macht der Presse wird wohl doch allgemein überschätzt, tut auch das Blatt mit den Großbuchstaben seit Jahren nichts Anderes als hier einen ganz konträren Standpunkt einzunehmen.
Die Macht der Presse auf vier überlebensgroße Buchstaben eingedampft!
Ich könnte auf das Internet hinweisen, meinen Text mit Wiki verlinken! Würde aber wohl bedeuten, dass ich dazu erstmal einen Text hätte. Was nach durchzechter Nacht, wohl doch noch besonderer Anstrengungen bedarf.
Doch die Anstrengungen sind es allemal wert, zumal der Editor ja auch mit Sternchen lockt. Sternchen sind es, die aus eher beiläufig Hingeworfenem so etwas wie einen Goldklumpen macht.
Und wie sagte schon Geheimrat von Goethe, „zum Golde drängt, am Golde hängt…“?
So gesehen wird es Zeit, sich der Realität zu beugen, einen Text zu verfassen der passt und sich den natürlichen Machtgefügigkeiten auszuliefern.
Denn reale Machtverhältnisse sind es, die uns funktionieren lassen und nicht Appelle an das Gute im Menschen.
Sollte ich hier die einzige Ausnahme darstellen?
Bin ich Jesus?
Ich muss endlich anfangen etwas aufs Papier zu bringen! Die deadline rückt immer näher.
Bloß, Anfangen womit?
*nicht vom Latino abgeleitet, nur als Effekt eingesetzt, als Nachweis geflissentlicher Gelehrsamkeit.
(ToRi)
ToRi
 

Beitrag#2von EMJu » 1. Sep 2010 18:48

Nachvollziehbar geschrieben, wobei die Kommas etwas willkürlich gestreut scheinen, was bei so einem nicht ganz einfach zu lesenden Text leider die Konzentration etwas stört. Trotzdem hab ich ihn insgesamt gerne gelesen. Er gibt die Nöte eines Kolumnisten gut wieder.
Am Ende fragte ich mich: Wie war gleich der Titel, ich hab irgendwie den Faden verloren. (War wohl im Unterbewusstsein so hängen geblieben.) Dann musste ich ein wenig schmunzeln.
Wie gesagt, gern gelesen.

Gruß
emju
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