Er, Glenn, für immer verloren?

Juli/August 2010

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Er, Glenn, für immer verloren?

Beitrag#1von Lautsprecher » 8. Aug 2010 14:52

Er, Glenn, für immer verloren?

Er, Glenn, konnte das eingeblendete Laufband nun nicht mehr ignorieren. Zwischen all den aktuellen Börsenkursen und Nachrichten von blutigen Attentaten in fernen Weltgegenden und den zuletzt beinahe stündlich nach oben korrigierten Zahlen an Toten und Vermissten beim gestrigen -Staudamm-Dissaster- in Südchina, tickte eine Uhr, deren analog erscheinender Sekundenzeiger, einem Countdown gleich, beständig rückwärts zuckte.

Nur noch eine Stunde und sieben Minuten bis zum Release des neuen -Lovemaker Virtuel- in der dann aktuellen Version -V 9.2-, mit noch mehr Möglichkeiten als in der gerade aktuellen Version.
Bot ihm, Glenn, die bisher genutzte Version schon die Möglichkeit unter 4 Millionen Avataren die gewünschte Zusammenstellung zu wählen, sollte die nun „nochmals aufgebohrte“ Fassung, in der Anzahl von vorbestimmbaren Typen beinahe unendlich sein.

Er, Glenn, hatte sich zwar einen schon sehr gut funktionierenden Liebeskörper aus den mehr oder weniger statisch erscheinenden Vorgaben zusammengestellt.
Entgegen dem zeitweilig streng vorherrschenden Trend der -Body-Builder-Avatare-, hatte er, Glenn, sich einen eher schöngeistigen, langgliedrigen Typen gebastelt, wobei lange im Angebot an schwarzen und gelben Menschen herumgekramt, schließlich ein bronzefarbiger -Thai-Negro-Avatar- herausgekommen war, der ihm zumindest die Möglichkeit größerer Aufmerksamkeit in den Reihen der weiblichen –Avatare- versprach. Eine sehr schöne Mischung, wie er, Glenn, befand. Eine einzigartige Komposition!

*

Er, Glenn, lehnte sich im Stuhl zurück. Wusste ganz genau, er, Glenn, musste verdammt wach und überaus schnell sein. Die ersten fünfzigtausend –Bestätiger- der neuen Software, würden mit einigen zusätzlichen -plug ins- belohnt.
Es hieß also für ihn, Glenn, in genau der richtigen Sekunde, ach was, der genau richtigen fünfzigtausendstel Sekunde, das rechte Blickziel anzuklicken. Alles schien doch ganz einfach geworden zu sein.
Man fixierte das Blickziel an und zwischen all den Optionen, wie schon seit unzähligen Versionen der Software-Generationen, klickte man dieses dann mittels Augenlid an.

Er, Glenn, hatte sich bisher überhaupt noch nicht für die Funktion dieses Pupillen-Klickens interessiert.
Doch, nachdem er, Glenn, erst einmal mit seiner virtuellen Freundin Jasmine, romantisch Händchen haltend durch eines dieser rein visuelles Computer-Museen geschlendert war, konnte er, Glenn, seine Begeisterung für diese Auswahl-Technik kaum noch unterdrücken.
Das war noch bevor er, Glenn, bei ihr, Jasemine, zum Schuss gekommen war.

*

Er hatte zunächst Jasemine mehrfach ausdauernd „geknallt“, wie es scheinbar nur mit Hilfe dieser, dezent, -Lovemaker Virtuell- genannten Software möglich gewesen war.

Ein wirksamer Vergleich war ihm, Glenn, dabei gar nicht möglich gewesen. Hatte er, Glenn, bisher doch noch gar nicht mit einem wirklichen Mädchen, hier in seiner nur durch immer wieder Durst, Hunger, Scheißen und Pinkeln erlebbaren Realität, Zärtlichkeiten oder auch darüber hinaus, triebhaft erzeugte Lebenssäfte ausgetauscht.

Das was für ihn so etwas wie Liebe, Sex, orgastisches Gestöhne oder möglicherweise sogar nur Zärtlichkeit bedeutete, war tief in der Programmierung dieses –Aps- namens -Lovemaker Virtuell- verborgen, beinahe unsichtbar. Doch mittels Blickziel, jederzeit zum virtuellen Leben zu erwecken.

Jasemine hatte sich ihm zunächst als eher nordischer Typ mit langen blonden Haaren, blauen Augen, den Kopf mit einer kecken violetten Schleife verziert vorgestellt und es hatte seiner, Glenns, Absicht nach, dann doch viel zu lange gedauert, bis es endlich zum ersten virtuellen Fick zwischen beiden kommen sollte.
Später formatierte sie sich dann zu einer feurigen Südländerin um, die zu allem Überfluss auch noch einen bedeutungsschwangeren Schönheitsfleck auf der Wange trug.
Jasemine hatte sich dann doch tatsächlich auch noch als lupenreine Jungfrau herausgestellt. Was ihm, Glenn, zunächst noch Kopfzerbrechen gemacht hatte. Irgend etwas in seiner, Glenns, -Performance-, musste bei Jasemine doch den irrigen Eindruck erweckt haben, dass er, Glenn, der Richtige wäre.
Eben keiner dieser Kerle, wie sie sich in Infanterie-Divisions-Stärke im Programm tummelten. Ebben diese immer suchtgleich geilen, doch selten zum wirklichen Abschluss fähigen -Body-Building-Typen-.

Er, Glenn, hatte seine Suchanfrage doch eigentlich leicht verständlich genug hingeklickt. Er, Glenn, hatte doch eigentlich gar keinen Zweifel daran gelassen, dass es ihm, Glenn, nur ums Knallen ging.

Das ganze vorbereitende Gesülze, bevor dann endlich gefummelt werden konnte, war doch sowieso schon immer fürn Arsch.
Da könnte er doch wirklich besser mal auf die Straße gehen, um auf die altmodische Schiene hin, irgendein Luder draußen aufzureißen.
Doch, so wirklich in sich hineingehorcht, wurde ihm klar, dass genau dieses nicht sein Ding sein konnte.
Er, Glenn, mit seiner gelblichen, papierenen Haut, die schon so lange keinem Sonnenlicht mehr ausgesetzt gewesen war, wie nun diese Konsole in ihrem ersten Release in seinem Besitz war. Den durch langes Sitzen mit den um die Augen möglicherweise schon festgewachsenen –Eye-Mons-, zittrigen Knien und der über seinem Hosengürtel sich wölbenden Körperfülle, wäre möglicherweise gar nicht in der Lage, draußen irgendjemanden anzusprechen.

*

Eine Stunde noch. Der Zeiger bewegte sich immer noch rückwärts.
Der wirkliche Fortschritt in der Welt der –Aps- war das -Kleine Luder-! Das war vor etwa vier Monaten „außer der Reihe“, wie der Konzern sich noch stolz beeilt hatte zu verkünden, herausgebracht worden.

Fünfzig Stunden am Stück hatte er, Glenn, mit Jasemine zunächst seine Zeit verplempert, bevor er, Glenn, zum ersten Mal zum Schuss gekommen war.

Eigentlich stand er, Glenn gar nicht auf solche Typen, die ihm schon sofort ihre Scheide oder das Arschloch hinhielten.
Sich durch unzählige Kleidungsstücke zu kämpfen und dann irgendwann Brustwarzen, einen niedlichen Bauchnabel und eine feuchte Klitoris zu ertasten, machte doch eigentlich das ganze Drumherum erst richtig zum Erlebnis.
Was Kleidung anging, war bisher -Lovemaker Virtuell- kaum zu schlagen gewesen. Unterschied sich schon dadurch von den bisherig populären virtuellen Bordellen ganz erheblich.
Das mag auch wohl einer der Gründe, für deren Niedergang gewesen sein.
Das Kleine Luder hatte ihn, Glenn, allerdings da zunächst noch ganz schön enttäuscht.

„Klebt nicht! Reizt nicht! Durch die verwendeten körpernahen Materialien, von natürlichen Liebesgrotten nicht mehr unterscheidbar, da zusätzlich am Blutkreislauf deines -Partner-Avatars-, -virtuell-biologisch-selektiv und im Durchmesser sehr stark variabel angekoppelt.“

Wenn das alles sein soll, war ihm, Glenn, da noch durch den Kopf geschossen und er, Glenn, hatte sich sofort beim Vertrieb des –Aps- beschwert.
Die Hotline hatte dann aber sofort heraus, dass nur ein minimaler Kabeldefekt vorlag.
Man hatte ihm, Glenn, dann ganz kostenlos, zur Entschädigung einen Feucht-Traum-Ap übermittelt. Dazu sogar noch zu mehrfacher Benutzung freigeschaltet!

Nur Stunden später war dann das Ersatzkabel da. Hier auf einmal stellte er, Glenn, für sich fest, dass Monopole, wenn sie denn erst mal alle Konkurrenten übernommen hatten und auch weiterhin in jeder Stadt eine Niederlassung betrieben, dem Verbraucher auch ziemliche Vorteile boten.
Allerdings war dann sie, Jasemine, plötzlich mehrere Stunden –off line-!

*

Ein Zittern durchfuhr ihn, Glenn. Erschreckt richtete er, Glenn, sich auf. Das Zittern kam von Außerhalb, hatte nicht, wie zunächst noch von ihm, Glenn, befürchtet, mit seiner vertracktenVerdauung zu tun.
Und trotzdem verbreitete sich ein unangenehmer Geruch in seiner Kammer. So, wie, wenn er, Glenn, es mal wieder nicht rechtzeitig zum Scheißhaus geschafft hatte.
Nur weil er, Glenn, wieder mal viel lieber in der virtuellen Wirklichkeit feststeckte, als seine ganz real vorhandenen Verdauungsorgane zu entleeren.

Doch diesmal, so spürte er, Glenn, es mächtig, kam dieser Gestank nicht von der sich unhaltbar ausbreitenden Masse in seiner Unterhose.
Hier war also nicht sein verkümmernder Schließmuskel derjenige, den die ganze Verantwortung traf.
Er, Glenn, steckte ja auch schon seit geraumer Zeit gar nicht mehr in irgendeiner gut konstruierten Liebesgrotte fest, so dass er, Glenn, ja jederzeit sein doch schon ziemlich verdrecktes Scheißhaus ohne weiteres hätte aufsuchen können.
Wobei ihm, Glenn, den Anlass hierfür, allerdings immer erst ein Impuls aus dem Analbereich hierüber Aufschluss geben würde.
Arsch an Großhirn, sozusagen: „Scheiße im Anmarsch!“

Das Zittern hatte sich zu einem Rütteln aufgeschwungen.
Der Boden schien sich unter ihm, Glenn, aufbäumen zu wollen. Sein, Glenns, Schreibtischsessel hatte einen kleinen Hopser nach hinten gemacht und er; Glenn, musste sich nun erst wieder an den Schreibtisch heranrollen.

*

Diese Uhr im Blick behaltend, versuchte er, Glenn, nun seine Zimmertüre zu erreichen, indem er, Glenn, sich mit den Füßen am Boden abstieß. Er, Glenn, musste ganz sicher sein, dass ihm, Glenn, nicht im Entscheidenden Augenblick –im wahrsten Sinn des Wortes- irgendwer die Konzentration raubte. Es waren diese, kostenlosen, –plug ins-, die das ganze ja so spannend machten.

Niemand, auch niemand in diesen Foren, wusste da Genaueres. Auch er, Glenn, machte da keine Ausnahme. Nur, seit der Konzern alles an sich gerissen hatte, wurde mal so dies und das gemunkelt.
Es hörte sich ganz so an, als dass sich nun Schritte entfernten, so sein, Glenns, nunmehriger Eindruck, als er, Glenn, befriedigt feststellte, dass die Türe von innen abgeschlossen war und der Schlüssel noch von innen im Schloss steckte.

*

Der Uniformierte sah ziemlich genervt aus, als er sich vor ihm, Glenn aufbaute! Er, Glenn, hielt es im Augenblick für sicherlich nicht so angebracht, hier den starken Mann zu spielen. Er, Glenn, hatte sich für diesen Moment, den er, Glenn, schon seit Monaten, möglicherweise auch schon Jahren befürchtet hatte, ein ganz bestimmtes Szenario vorgestellt.
Seine, Glenns, Eltern würden erst locken. Dann würden sie drohen. Schließlich würden sie Gewalt anwenden. Die Polizei holen!

Nun also war es soweit! Sie würden ihn, Glenn, nicht mit Glacee-Handschuhen anfassen. Das wusste er, Glenn, aus den Foren. Diese Kids, die wie er, Glenn, in ihren Stuben verbarrikadiert, lieber in virtuelle Welten eintauchten, als zur Schule zu gehen, oder einer, wie die Erwachsenen meinten, ordentlichen Beschäftigung nachzukommen, hatten es schon verdammt schwer.
Gewaltsam wurden sie, so wie nun auch wohl er, Glenn, einfach ihrer vertrauten Umgebung entrissen.

*

Angstvoll aufgerissenen Auges, konnte er, Glenn, nun noch sehen, dass der Zeiger auf seine letzte Runde zumarschierte.
Sie mussten wohl irgendein Gas, das ihn, Glenn, eingeschläfert hatte, durch die Ritzen der Türe geleitet haben.
In genau demselben Augenblick, als diese überaus kräftigen Fäuste brutal zupackten, war der Zeiger auf die 12 gezuckt. Tiefer Schmerz durchfuhr ihn, Glenn, sodass er erschreckt die Augen aufriss und die –Eye Mons- zu Boden kullerten.

(Allen, Glenns, dieser Erde gewidmet) Lautsprecher 2010
Lautsprecher
 

Beitrag#2von EMJu » 2. Sep 2010 08:51

Wow, ich bin begeistert. Was für eine super Erzählung.

Zwar sind auch hier einige Rechtschreib- bzw. Grammatikfehler drin und der Stil ist nicht immer so toll, wie er sein könnte, aber ganz ehrlich, das ist nicht schlimm. Der Erzählfluss der Story bleibt trotzdem gewahrt, man saugt sie gefesselt auf und genießt sie.

Ganz klar mein Favorit. Gut gemacht!
Malern und Dichtern war es stets erlaubt zu wagen, was immer beliebt. (Horaz)
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