Schlank

Juli/August 2010

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Schlank

Beitrag#1von Zefira » 28. Aug 2010 23:05

Gesichtsverlust. Ein großes Wort, hat wohl in gewissen Branchen viel zu bedeuten; dort wo es zählt, was für ein Gesicht man hat und wie unbeschädigt es ist. Ich habe nie viel darauf gegeben; wenn es um bestimmte schwerwiegende Entscheidungen ging, war mein Gesicht immer das Wenigste, was zu bewahren war. Der Klügere gibt nach. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das mit den Augen und dem Sinn hat genau so lange funktioniert, bis es um mein eigenes Gesicht ging. Seit ich das nämlich aus den Augen habe, ist es mir wichtiger als je zuvor. Damit wir uns richtig verstehen: Oberhalb meines Halsausschnittes ist nichts mehr, jedenfalls sehe ich nichts im Spiegel. Da ist kein schwarzes Loch oder ein verschwommener Fleck oder sonst etwas, was mit Aneurysma oder Sehstörungen zu erklären wäre, sondern mein Spiegelbild endet einfach mit dem oberen Ende des Halses. Kompletter Gesichtsverlust. Nicht nur das, ich habe den ganzen Kopf verloren. Ich kann mich nicht mal anständig kämmen, weil der Spiegel mir keine Rückmeldung gibt; wenn es nach ihm geht, bin ich einfach kopflos.

Aber das tut so gut. Niemand ahnt, wie gut das tut, wenn man kein Gesicht mehr hat, auch keinen Kopf zu verlieren, nichts. Man lebt im luftleeren Raum, man fängt in jeder Stunde, ja in jeder Minute des Tages schlankweg von vorne an. Das ist auch so ein schönes Wort: "schlankweg". Es erinnert mich an ein Wort, das hin und wieder in Kochrezepten auftaucht: Man soll etwas "schlankrühren". Meistens handelt es sich um sauer Sahne mit Mineralwasser. Was damit gemeint ist, hat sich mir erst erschlossen, als ich den Gegensatz "dick rühren" bedachte. Schlankrühren. Das heißt, es flutscht ganz locker an den Rührbesen vorbei. Ich sehe es vor mir. Eine schön flexible Pampe, die unter den Rührbesen gefällige Spiralen bildet. Nicht dünn genug, um zu spritzen, und nicht dick genug, dem Mixer Widerstand zu leisten. Oder wie die Iren sagen: zu dick zum Trinken und zu dünn zum Pflügen.

Aber gerade dünn genug, über überall hinzukriechen, wo sich eine Ritze auftut. die ein Sehen verheißt. Das, denke ich, muss der Wunsch sein von allem, was schlank gerührt wird. Eischnee, der über Wasserdampf aufgeschlagen wird, oder Sahne in einem eisgekühlten Gefäß: Irgendwo ist Ende Gelände. Da, wo die Rührbesen schnarrend an die Schüsselwand stoßen. Hier ist Verheißung. Sich immer weiter nach oben aufzublasen, ist das Naheliegenste, aber wo wir wirklich hingehören, ist der Grund; sei es die heiße Herdplatte oder der mit Eiswürfeln gefüllte Pott, über dem die fettige Sahne gerinnen soll und nicht will. Ja.

Gerinnen. Entrinnen. Es ist wichtig, keinen Kopf zu haben, aber es ist nicht alles. Man sollte auch bedenken, wo man ihn wiederzufinden sucht. Am Grund der Schüssel. Genau da, wo es entweder hundert oder null Grad hat: Die Welt ist offen.
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Beitrag#2von EMJu » 31. Aug 2010 15:36

Am Anfang der Geschichte dachte ich: Wow, was für eine großartige Idee. War total gespannt, wie es weiter geht. Dann hat die Geschichte aber eine völlig andere Wendung genommen, als ich es mir erwartet hätte. Das macht sie jedoch nicht schlecht. Sie ist feinfühlig, leise, sogar philosophisch. Sie ist gut und findet in ein rundes Ende.
Malern und Dichtern war es stets erlaubt zu wagen, was immer beliebt. (Horaz)
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