Tag 73

Juli/August 2010

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Tag 73

Beitrag#1von EMJu » 22. Aug 2010 14:00

Tag 73

Die Einsamkeit spaltet mir allmählich den Verstand. Hätte ich ein Werkzeug, gleich welches, ich würde Gesichter in die Felsen meißeln. Diese Felsen, die willkürlich aus dem Boden wachsen, um dann nach Wochen wieder zu verschwinden. Sollen sie mein Leid doch mit hinabnehmen, es dort unten verbreiten, auf dass ihre Kameraden neugierig nachkommen. Ihnen allen würde ich meine Geschichte vorsingen.

Mein Publikum umringt mich schweigend, als ich mich auf den kalten Sand setze. Ich warte, bis der Wind den richtigen Ton getroffen hat, dann öffne ich die Lippen. Erst summe ich nur, hoffe, dass sich noch weitere Zuschauer einfinden. Weil niemand mehr kommt, mache ich nach einer Weile eine kurze Pause, stehe auf, verneige mich in alle Richtungen und breite die Arme aus. Mein zerrissener Mantel flattert geräuschvoll in den Böen. Das einzige Instrument, das ich besitze. Der Fels Methusalem – ich nenne ihn so, weil er nun schon zwanzig Tage hier ist – neigt sich geringfügig zur Seite, als wolle er mich ermuntern, endlich zu beginnen. Ich danke ihm lächelnd und singe:

„es war, weil das wetter sich veränderte
der siebte schneesturm im juli schon
und die astronomen fanden einen schatten vor der sonne
von dem man erst glaubte, er sei ein kosmischer nebel
hubble meldete, es handle sich um dichte materie
und sandte der erde bilder

was zunächst noch freude und euphorie auslöste
stellte sich schon bald als kosmische katastrophe heraus
der schatten war nichts als ein großes stück eisen
der fetzen eines raumfahrzeugs
das so riesig gewesen sein musste
dass es kaum zwischen sonne und merkur
hindurchgepasst hätte
man mutmaßte: eine explosion habe es
zerrissen und verstreute seine teile im kosmos
und eines schwebte nun um die sonne
dummerweise in seiner umlaufbahn deckungsgleich
mit der bahn, die die erde um die sonne beschrieb
was dazu führte, dass es kalt und dunkel wurde
und schnell vieles leben auf erden starb
also bildete man ein globales krisenkomitee
aus regierungen und besten wissenschaftlern
und man kramte ein konzept aus der schublade hervor
das bis dahin streng geheim gehalten worden war
seine anfänge lagen im jahr 1943
es beschäftigte sich mit materieübertragung
und was die welt bis zu diesem tag nicht wusste
war, dass ein kleines team seit über siebzig jahren
an nichts anderem als dieser technik arbeitete
und einige erfolge verzeichnen konnte
so war es zum beispiel gelungen
einen eisberg aus dem nordmeer
vor die australische küste zu teletportieren
man behauptete in der öffentlichkeit
er sei vom antarktischen schelfeis abgebrochen
um keinen verdacht zu erregen
auch mit tieren hatte man versuche gemacht
zunächst freilich ohne erfolg
bis eines tages ein krokodil
in sarow aus dem zwölften stock eines wohnhauses fiel
die ermittler fanden damals heraus
dass chenar – so sein name –
bei liebhabern exotischer tiere hauste
was natürlich frei erfunden war
denn tatsächlich kam er aus einem labor
in großbritannien

der krisenstab tagte eine woche lang
und sah sich die ergebnisse der forscher an
man bildete arbeitsgruppen, um pläne auszuklüngeln
und traf sich nach langen nächten wieder
es war das erste weltgemeinschaftliche projekt
bei dem alle nationen einer meinung waren
sie alle waren beteiligt worden
weil man auf die hilfe jedes landes angewiesen war
der plan, auf den man sich geeinigt hatte
sah vor, das eisen vor der sonne zu entfernen
dazu benötigte man so viel energie
dass alle kraftwerke der welt erforderlich waren
um sie zu erzeugen
man wollte einen gewaltigen lichtstrahl bilden
welcher das eisen ins all teleportieren sollte
weit weg von unserem sonnensystem
und weil die wissenschaftler versichert hatten
dass dieses experiment gelingen könne
fanden kritiker kein gehör
schließlich ging es um die rettung der welt
wenige wochen später war es so weit
der lichtstrahl wurde gebildet
und auf das eisen ausgerichtet
es war ein fantastisches farbschauspiel
man sah es bis zur erde leuchten
wie polarlichter ließ es den himmel funkeln
und alle starrten gebannt nach oben
ich hielt meine frau bei der hand
wir reckten die köpfe empor
sie sagte noch: „sieh nur, wie schön es ist“
dann spürte ich sie nicht mehr
ich hatte das gefühl zu verbrennen
kein boden war mehr unter mir
es war kein fliegen, kein fallen
kein landen brachte mich hier her
weil ich die erde nicht verlassen habe
ich nahm nur einen teil von ihr mit
jenen teil mit dem sand und den steinen
alles andere ist woanders geblieben

dass ich noch lebe, ist unwahrscheinlich
es ist alleine, dass ich noch bin
vermutlich gefangen zwischen den gesetzen der physik
die etwas wie das hier nicht vorsehen
es ist nun der dreiundsiebzigste tag
an dem ich dieses lied vortrage
weil ich die geschichte nicht vergessen will
alles andere habe ich verloren.“
Malern und Dichtern war es stets erlaubt zu wagen, was immer beliebt. (Horaz)
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